| Einführung in das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen |
| Grundsätze Geschichte Muslime im Westen Eine Zusammenstellung von Ausschnitten
(bzw. von deren Zusammenfassungen) aus Werken von Yusuf al-Qaradawi, Feisal Maulawi,
Mahmud Schakir u.a. zusammengestellt von Samir Mourad Muslimischer
Studentenverein Karlsruhe e.V.
Reproduktion: Alle
Teile dieses Buches dürfen vervielfältigt, nachgedruckt und übersetzt werden, wenn
dabei auf diese Quelle hingewiesen wird, und wenn vorher die Erlaubnis des Autors
eingeholt worden ist, falls dieser noch leben sollte. Ansonsten muß ein Teil des Erlöses
an eine wohltätige Organisation im Sinne des Autors abgeführt werden. 1.Auflage
1420/1999 Muslimischer
Studentenverein Karlsruhe e.V. c/o
Deutsprachiger Muslimkreis Karlsruhe e.V. Stefanienstr.21 76133
Karlsruhe Tel.
0721/22307 Fax. 0721/22304 ISBN
3-00-00-004867-7 Bismillahi-r-Rahmani-r-Rahim Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des
Barmherzigen Für meine lieben muslimischen
Geschwister Für Onkel Peter, Tante Eva, meinen lieben Nachbarn Herrn Kadelke und meine übrigen Verwandten und
Freunde, mit denen ich mir wünsche, im Paradies vereinigt zu sein
Inhaltsverzeichnis Erläuterung einiger islamischer Fachbegriffe Definition von Din Definition von Iman / Mumin Definition von Kufr / Kafir Definition von Schirk / Muschrik Definition von Hadith Definition von Sahih-Hadith Definition von Sunna Definition von Tauhid
1 Grundsätze in den Beziehungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen 1.1 Friedliches Miteinanderleben, gegenseitiges Kennenlernen und rechtschaffenes Verhalten der Muslime gegenüber den Nichtmuslimen Die Ahlul-kitab Verhalten gegenüber nichtmuslimischen Eltern 1.2 Die Nichtmuslime zum Islam einladen (Dawa) Für einen Muslim, der zum Islam einlädt, ist diese Handlung ein Mittel seiner eigenen Annäherung an Gott und ein Mittel, Sein Wohlgefallen zu erlangen Über den Islam informieren Liebevoller, barmherziger, geduldiger und respektvoller Umgang mit den neuen Muslimen
2 Verteidigung im Islam 2.1
Wann gehen Muslime mit militärischen Mitteln vor? 2.2 Die militärische Auseinandersetzung der Gefährten des Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) mit den Byzantinern und den Persern 3 Nichtmuslime im islamischen Staat 3.1 Die Ahlu-Dhimma (Dhimmis) 3.2 Die Rechte der Ahlu-Dhimma 1- Recht auf Schutz 2- Leiblicher Schutz 3- Unantastbarkeit des Besitzes 4- Schutz der Ehre 5- Alters-, Sozial- und Pflegeversicherung 6- Bekenntnisfreiheit und Recht auf freie Religionsausübung 7- Recht auf freie Berufswahl und -ausübung 8- Recht auf Ausübung staatlicher Ämter 9- Sicherheitsgarantien bzw. Bürgschaften für die obengenannten Rechte 3.3 Die Pflichten der Ahlu-Dhimma Die Dschizya Die Verpflichtung, sich an die Gesetzgebung des islamischen Staates zu halten Die Pflicht, die Gefühle der Muslime zu respektieren 4 Toleranz im Islam 4.1 Stufen der Toleranz. 4.2 Auf welcher Toleranzstufe steht die islamische Gesellschaft bzw. der islamische Staat? 4.3 Der Geist der Toleranz bei den Muslimen 4.4 Die religiöse Grundlage für die Toleranz im Islam
TEIL III: Muslime als Minderheit gestern und heute 5 Muslime als Minderheit 5.1 Einige wichtige Tatsachen über muslimische Minderheiten 5.2 Die Geschichte von muslimischen Minderheiten in einigen Ländern 5.2.1 Die Muslime auf den Philippinen 5.2.2 Die Muslime in China Die Ausbreitung der Einladung zum Islam im Westen Chinas unter dem Schutz des islamischen Heeres Die Ausbreitung des Islam durch Da'is und Händler bzw. handeltreibende Seefahrer Die Muslime in der Republik China (1911-1949 n.Chr.) Die kommunistische Herrschaft seit 1369 n.H. (1949 n.Chr.) 5.2.3 Die Muslime in Gabun Die Einwohner Wie der Islam nach Gabun gekommen ist Die Kolonialisierung der Region 6 Muslime im Westen Die Heirat zwischen einem Muslim und einer nichtmuslimischen Frau unter heutigen Umständen Die Pflichtbereiche eines im Westen lebenden Muslims
VorwortDank sei Allah, dem Herrn aller
Welten, und Sein Segen und Heil seien auf dem Gesandten Allahs, dessen Familie und
Gefährten.
Die vorliegende Zusammenstellung behandelt verschiedene Aspekte des Verhältnisses
zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Die Benutzung und Gegenüberstellung
der Worte Muslime und Nichtmuslime mag vielleicht etwas wie schwarz
und weiß oder wie die Guten und die Schlechten klingen. Dies ist jedoch
nicht beabsichtigt. Es mußte jedoch ein Wort zur Bezeichnung all derjenigen Menschen, die
eine andere Überzeugung bzw. Religion als den Islam haben, gewählt werden. So möge der
christliche, jüdische, buddhistische, hinduistische oder atheistische Leser also bitte
Verständnis haben und dies nicht als Arroganz oder Diskriminierung verstehen. Viele
Teile sind im wesentlichen Zusammenfassungen von entsprechenden Teilen der Fachliteratur
bekannter muslimischer Gelehrter und Autoren wie Yusuf al-Qaradawi, Feisal Maulawi und
Mahmud Schakir. Es ist also eher eine Zusammestellung von Übersetzungen von Teilen
einiger Bücher, als eine eigenständige Forschungsarbeit. Das erste Kapitel umreißt kurz die
Grundprinzipien des Verhältnissses zwischen Muslimen und Nichtmuslimen aus islamischer
Sicht. Kapitel
2 und 3 behandeln Situationen, die für Muslime als Minderheit, die sie u.a. hier im
Westen darstellen, keine praktische Relevanz haben: Kapitel 2 zeigt auf, in welchen
Situationen ein militärischer Eingriff von Seiten der Muslime stattfindet. Kapitel 3
zeigt die Situation von nichtmuslimischen Minderheiten in einem Staat auf, der nach
islamischem Recht geführt wird. Daß diese beiden Themenkomplexe dennoch in diesem Buch
behandelt werden, liegt u.a. an folgendem: Zwischen den von der Kirche beherrschten bzw.
dominierten europäischen Ländern des Mittelalters und später den europäischen
Kolonialmächten - und der muslimischen Welt herrschte im Laufe der Geschichte oft Krieg,
was dazu führte, daß auf europäischer Seite und in jüngster Zeit auch in den
muslimischen Ländern ein realitätsverzerrendes Feindbild gegenüber der jeweils anderen
Seite entstand, was bisher ein Hindernis für eine sachliche Auseinandersetzung mit den
Anschauungen der jeweils anderen Seite darstellte. Zumindest auf europäischer Seite
gründet das heutige realitätsverzerrende Feindbild zum großen Teil auf einem falschen
Geschichtsbild, wo der Islam als agressive feindliche Religion dargestellt wird, die sich
mit Feuer und Schwert ausgebreitet hat. Um dieses Feindbild abzubauen, ist es
wohl nötig, die Geschichte, die bisher leider oft falsch dargestellt wurde, richtig zu
verarbeiten. Von
dieser Basis ausgehend ist dann zu hoffen, daß wenigstens ein Hindernis auf dem Weg der
Verständigung und des friedlichen und freundschaftlichen Zusammenlebens zwischen den
verschiedenen Religionsgemeinschaften hier in Deutschland aus dem Weg geräumt ist. Dies
könnte dann eine Grundlage für eine richtige und auch die Muslime selbst
zufriedenstellende Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft darstellen. Denn
wie soll sich ein muslimischer Mitbürger als vollwertiger deutscher Mitbürger fühlen,
wenn er das Gefühl hat, daß viele Menschen in Deutschland ihn als Angehörigen einer
fremden und mehr oder weniger feindlichen Religion betrachten? Kapitel
4 untersucht, wie tolerant eine muslimische Gesellschaft gegenüber nichtmuslimischen
Minderheiten im eigenen Land ist. Kapitel
5 behandelt die Geschichte muslimischer Minderheiten in einigen Ländern. Kapitel
6 ist eine kurze und allgemeingehaltene Darstellung der Situation und der Aufgaben der
Muslime hier im Westen.
Nun etwas zu übersetzungsspezifischen Fragestellungen: Da Quranverse, Aussprüche
des Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) und der überwiegende Teil der benutzten
Fachliteratur in arabischer Sprache vorhanden ist, mußte eine Lösung gefunden werden,
wie einige islamische Fachbegriffe ins Deutsche übertragen werden sollten. Es wurde der
Ansatz gewählt, wie er u.a. in [Zaidan] und [Mourad, As-Sabuni] gemacht wird. Er besteht
darin, daß diese Fachbegriffe zunächst ausführlich erläutert werden und im weiteren
Verlauf des Buches in lateinischer Umschrift als arabische Fremdwörter benutzt werden.[1]
Da es sich in der vorliegenden Abhandlung nur um einige wenige Begriffe handelt, ist dies
dem Leser wohl zumutbar, zumal die Bedeutung einiger oder aller dieser Begriffe einem
Großteil der Muslime ohnehin bekannt ist. Im Verlaufe der Abhandlung kommen noch weitere
arabische Fremdwörter vor, die jedoch an der jeweiligen Stelle selbst kurz erläutert
werden.
Es ist bekannt, daß der Quran nur auf Arabisch existiert, er ist das Wort Allahs,
so wie Er es Seinem Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) geoffenbart hat. Jegliche
Übersetzung in eine andere Sprache kann man nicht Quran nennen, sondern allenfalls eine
ungefähre Bedeutung. In der folgenden Abhandlung wird beim Zitieren von
Quranversen der Einfachheit halber so etwas wie Allah hat gesagt:
vorangestellt, obwohl dies nicht korrekt ist. Der Leser soll sich immer bewußt sein, daß
dies nur eine ungefähre Bedeutung dessen ist, was Allah gesagt hat.
Die Übersetzung der Quranverse stammt teilweise von den Quranübersetzungen von
Ahmad v. Denffer und Muhammad Rassoul und teilweise vom Autor selbst. Daß teilweise die
Quranverse vom Autor selbst übersetzt wurden und nicht eine bereits existierende
Quranübersetzung allein herangezogen wurde, liegt vor allem an zwei Gründen: Zunächst
einmal existiert bisher keine vollständige deutsche Quranübersetzung mit dem oben
angeschnittenen Konzept, welches zunächst die arabischen Fachausdrücke erläutert, und
sie dann als arabische Fremdwörter im übersetzten Text stehen läßt. Zum anderen lassen
die Quranverse mehrere Bedeutungen zu. Je nach Zusammenhang muß also die entsprechende
Bedeutung herangezogen werden, welche dann übersetzt wird. Die verschiedenen Bedeutungen
der Quranverse kann man aus den zahlreichen klassischen und modernen Qurankommentaren
entnehmen.
An dieser Stelle soll all denen gedankt sein, die bei der Zusammenstellung dieser
Abhandlung einen Beitrag geleistet haben. Ich bitte Allah, daß Er uns alle im Paradies
wieder vereint, ohne daß einer von uns vorher die Strafe Allahs kosten mußte. Mein
Herr, verzeih mir, meinen Eltern und wer in mein Haus hineingeht als Mumin, und den Muminun und den Muminat...[71:28] Samir Mourad
Erläuterung einiger islamischer FachbegriffeIn diesem Kapitel werden einige
islamische Fachbegriffe eingeführt. Dabei sind die Einführungen zu einigen dieser
Begriffe im wesentlichen vereinfachte Zusammenfassungen von Auszügen aus den
entsprechenden Begriffseinführungen von [Zaidan]. Die Auszüge sind so gewählt, daß sie
in etwa die Bedeutung der Begriffe im Zusammenhang des vorliegenden Buches abdecken. Definition von DinNach der Wissenschaft der
sinnverwandten Wörter und nach den Qurankommentatoren wird Din im Quran als Synonym für 11
verschiedene Begriffe verwendet. Din
als Synonym für: n Islam n Tauhid
(Monotheismus im islamischen Sinne) n die Abrechnung am Jüngsten Tag n die Vergeltung n das Gesetz n der Gehorsam / die Loyalität n die Gewohnheit /die Sitte n die Gemeinschaft /das Volk n die nach der Scharia (Gottes Gesetz)
unveränderbar festgelegten Strafen für bestimmte Verbrechen n die Anzahl n den Quran
Resümee Zum richtigen Verständnis der
quranischen Texte ist eine Differenzierung bei der Übersetzung unersetzlich. In [Zaidan] heißt es: Für den
Fall, daß eine Differenzierung in einem begrenzten Rahmen nicht möglich ist und ein
übergreifender Sammelbegriff verwendet werden soll, empfehle ich als mögliche
Übersetzung für die elementare Bedeutung von Din, den Ausdruck Lebensweise und für ad-Din-ul-islami, den Ausdruck die islamische Lebensweise weil meines Erachtens nur der Begriff
Lebensweise entsprechend dem islamischen Verständnis alle Bereiche und Ebenen der
Lebensgestaltung, nämlich die ideologischen, religiösen, kulturelle, politische,
wirtschaftliche, soziale, wissenschaftliche, usw. impliziert und umfaßt.
Definition von Iman / MuminDas Wort Iman wird in der Regel in der Literatur als
Glaube übersetzt. Diese Übersetzung ist nicht ganz korrekt, wie wir sehen
werden. a. Iman in Bezug auf Allah Die Verinnerlichung der bewußten
Unterwerfung, Hingabe und Unterordnung Allah gegenüber und die widerspruchslose Akzeptanz
Seiner Gebote und Vorschriften in aufrichtiger Ergebenheit. b. Iman im islamischen Kontext Allgemeine Bedeutung: Iman
ist die sichere, keinen Widerspruch duldende Verinnerlichung der gesamten Inhalte und der
Substanz dessen, ·
was der
Prophet Muhammad (Allahs Segen und Heil auf ihm) als abschließende Offenbarung definitiv
für alle Muslime verkündet hat und ·
was per
definition notwendiger Bestandteil des islamischen Din
ist; wie z.B. der Iman an Allah, an Seine Engel, an Seine
geoffenbarten Schriften, an den Jüngsten Tag, an Seine Gesandten, an die Pflicht des
rituellen Gebets, des Fastens im Monat Ramadan, usw.
Resümee In verschiedenen Standardlexika wird
Glaube definiert als : ·
innere
Sicherheit, die keines Beweises bedarf; primär (gefühlsmäßiges) Vertrauen, feste
Zuversicht ·
ohne
Überprüfung, meist gefühlsmäßig ohne Beweise für wahr gehaltene Vermutung ·
Gefühl,
unbeweisbare Herzensüberzeugung ·
usw. Aus diesen Definitionen ergibt sich,
daß man den arabischen Begriff Iman
auch nicht annähernd mit dem deutschen Wort Glaube wiedergeben kann, weil
einfach sein Bedeutungsinhalt Beweisführung und bewußte Verinnerlichung (d.h. die
wesentlichen Inhalte von Iman) im deutschen
Sprachgebrauch explizit ausgeschlossen werden. In [Zaidan] heißt es: für den
Fall, daß eine Differenzierung bei der Übersetzung nicht möglich ist und ein
übergreifender Sammelbegriff verwendet werden soll, empfehle ich als mögliche
Übersetzung für die elementare Bedeutung von Iman, den Ausdruck die mit Wissen verbundene
bewußte Verinnerlichung ... Personen, die Iman praktizieren, heißen dementsprechend: mask.:
sg. Mumin,
pl. Muminun fem.:
sg. Mumina,
pl. Muminat
Definition von Kufr / KafirKufr wird gewöhnlich mit Unglaube
übersetzt. Wir werden sehen, daß dies nicht ganz korrekt ist. a. Kufr in Bezug auf Allah Kufr
hat hier fünf verschiedene Erscheinungsformen: ·
Kufr des kompletten Verleugnens: Diese Art des Kufr äußert sich in absichtlichem äußerlichen
und innerlichen Verleugnen der Existenz Allahs, d.h. in verbalem Abstreiten bzw. Negieren
Allahs und Seines Daseins. Diese Form des Kufr
ist ein Synonym für Atheismus. ·
Kufr der
Heuchelei: Diese Art des Kufr äußert sich als rein formale, d.h. nur
verbale äußerliche Anerkennung des Daseins von Allah mit gleichzeitigem innerlichem
Leugnen. ·
Kufr der Ignoranz: Diese Art des Kufr äußert sich in absichtlich vorgetäuschtem
äußerlichen Leugnen des Daseins von Allah (d.h. verbales Abstreiten/Negieren) trotz
echter innerer Überzeugung. ·
Kufr des Trotzes: Diese Art des Kufr äußert sich als formal korrekte
äußerliche und innerliche Anerkennung der Existenz Allahs, ohne jedoch die notwendigen
Konsequenzen daraus zu ziehen und Allah zu dienen, durch Verherrlichung und Anbetung,
durch Unterwerfung, Bindung und Hingabe. Dies geschieht entweder aus Starrsinn
oder aus Überheblichkeit. ·
Kufr des Polytheismus: Diese Art des Kufr äußert sich in echter (d.h. von tiefer
innerer Überzeugung geprägte) äußerlicher und innerlicher Anerkennung des Daseins von
Allah in Kombination mit einer komplett und/oder partiell inkorrekten Praxis der daraus
folgenden notwendigen Handlungsweisen wie z.B. Verherrlichung und Anbetung Allahs auf
eigenmächtig festgelegte und unzulässige Art und Weise, d.h. durch Vollziehen der
gottesdienstlichen Handlungen unter Zuhilfenahme eines (Ver-)Mittlers oder durch verbale
Benennung bzw. Vorstellung und Anerkennung zusätzlicher göttlicher Mächte neben Allah
oder durch unerlaubte Interpretation von Tauhid
(d.h. des Monotheismus im Sinne des Islam). b. Kufr im islamischen Kontext allgemeine Bedeutung: ·
Jede
Religion, Glaubensgemeinschaft, Weltanschauung oder Gruppierung außerhalb des Islam
fällt unter die Rubrik Kufr. ·
Das
komplett bzw. partiell bewußte Leugnen bzw. Negieren eines Iman-Inhaltes und/oder eines eindeutigen Gebotes
des islamischen Din fällt unter die Rubrik
Kufr. ·
Heuchelei
im Sinne von rein formalem, d.h. nur verbalem äußerlichem Bekenntnis zum Islam
(ohne echte innere Überzeugung) fällt unter die Rubrik Kufr. Diese Form gilt als die
verabscheuungswürdigste Art des Kufr. ·
Jeder
Verstoß gegen die Prinzipien von Tauhid (d.h.
des islamischen Verständnisses des Monotheismus) fällt unter die Rubrik Kufr:
.... Personen, die Kufr praktizieren, heißen dementsprechend: mask.:
sg. Kafir,
pl. Kafirun fem.:
sg. Kafira,
pl. Kafirat Resümee Bei der Übersetzung des Wortes Kafir müssen zwei Ebenen berücksichtigt
werden: ·
Die
sprachliche Ebene: Auf sprachlicher Ebene hat Kafir unterschiedliche Bedeutungen: Ackerbauer,
undankbar sein, zudecken, verhüllen, Lossagung, Ignoranz, usw. ·
Die
religiöse Ebene: Auf religiöser Ebene steht Kafir/Kafira
bzw. Kafirun/Kafirat als Sammelbegriff für das Gegenteil
von Muslim/Muslima bzw. Muslime/Musliminnen. In [Zaidan] heißt es: Deshalb
empfehle ich für den Fall, daß eine Differenzierung bei der Übersetzung nicht möglich
ist und ein übergreifender Sammelbegriff verwendet werden soll, als mögliche
Übersetzung für die elementare Bedeutung von Kafir/Kafira,
den Ausdruck der/die Nicht-Gottergebene ... Wichtig ist zu erkennen, daß Kafir als Sammelbegriff für die
unterschiedlichen Erscheinungsformen einer bestimmten Geisteshaltung der verschiedensten
Personengruppen verwendet wird. Als Kafir werden beispielsweise bezeichnet: ·
Atheisten ·
Polytheisten
·
sogenannte
Muslime, die einen Pflichtteil des islamischen Din aberkennen ·
Juden oder
Christen, welche die Prophetenschaft Muhammads (Allahs Segen und heil auf ihm) und den
Quran als die Offenbarung Allahs ignorieren bzw. nicht anerkennen Oft kann man das Wort Kafir/Kafira auch einfach als
Nichtmuslim/Nichtmuslima übersetzen. Definition von Schirk / MuschrikUnter Schirk versteht man Polytheismus im eigentlichen, wörtlichen und im
übertragenen Sinne. Personen, die Schirk
praktizieren, heißen dementsprechend: mask.: sg. Muschrik,
pl. Muschrikun fem.: sg. Muschrika,
pl. Muschrikat Die ausführliche Definition kann der
Leser selbst in [Zaidan] nachlesen. Definition von Hadith
(aus [AvD
94]:) Bezeichnung
für Berichte, in denen die -> Sunna des
Propheten Muhammad überliefert wurde...Die Ahadith
(pl. von Hadith) wurden zunächst
größtenteils mündlich überliefert und dann niedergeschrieben. Die bekanntesten
Sammlungen sind die von Buchari und Muslim. Definition von Sahih-Hadith
Ein -> Hadith, der eine "gesunde"(arab. sahih)
(d.h. stark gesicherte) Überlieferungskette hat. Solch ein Hadith wird auf deutsch manchmal auch als authentische
Überlieferung übersetzt. Definition von Sunna[2]
Beispiel für
eine Lebensweise; speziell gebraucht für das vorbildhafte Leben des Propheten Muhammad,
das für den Muslim zweite Wissensquelle neben dem Quran, dem Wort Gottes, ist. In der
islamischen Religionswissenschaft gibt es mehrere Sparten. Darunter gibt es 1. Die
Hadithgelehrten, die sich mit der Überlieferung der Ahadith beschäftigen, 2. Die Gelehrten des Usulu-l-fiqh, die sich mit den Fundamenten des
islamischen Rechts (arab. fiqh) beschäftigen,
und 3. Die Rechtsgelehrten, die sich mit dem islamischen Recht (arab. fiqh) beschäftigen. Für das, was Sunna ist, geben die oben erwähnten Vertreter der
unterschiedlichen Sparten der islamischen Religionswissenschaft eine etwas abweichende
Definition: 1.
Sunna im Sinne der
Hadithgelehrten: Alles, was vom
Propheten Muhammad (Allahs Segen und Heil auf ihm) überliefert wurde an Taten, Aussagen,
dem, was er stillschweigend duldete, die charakterlichen oder körperlichen Eigenschaften,
seine Biographie gleich, ob es vor oder nach der Berufung Muhammads zum Propheten
war. 2. Sunna im Sinne der Gelehrten des Usulu-l-fiqh: Alles, was vom
Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) herrührt außer dem Quran an
Aussagen, Taten und dem, was er stillschweigend duldete, wenn es möglich ist, einen
islamischen Rechtsbeschluß daraus abzuleiten. 3. Sunna im Sinne der Rechtsgelehrten (Fiqh-Gelehrten) Alles, was vom
Propheten herrüht an Taten oder Aussagen und nicht zu den islamischen Pflichten (arab. fard und
wadschib) gehört. Was der
Prophet bezüglich der Religion sagte, ist genauso Offenbarung wie der Quran. Der
Unterschied zum Quran liegt u.a. in zwei Sachverhalten: Erstens ist
der Quran das Wort Allahs, wohingegen das, was der Prophet bezüglich der Religion gesagt
hat, eine Offenbarung ist, welche der Prophet in seinen eigenen Worte wiedergegeben hat.
Ein Beispiel dafür ist, wie man das fünfmalige Gebet zu beten hat. Zum zweiten
ist der Quran mutawatir, d.h. auf sehr vielen
verschiedenen Überliefererketten überliefert.[3]
Damit besteht nicht der kleinste Zweifel an der richtigen Überlieferung jedes einzelnen
Wortes. Die meisten Ahadith sind jedoch nicht mutawatir überliefert. Die Sunna wird im -> Hadith (Bericht über die Sunna) überliefert. Der Muslim bemüht sich, in
allen Lebensbereichen dem Vorbild des Propheten zu folgen, um ein Gott wohlgefälliges
Leben zu führen (siehe auch [33:21]). Definition von Tauhid
(im
wesentlichen aus [M.N.Yasin]:) Bezeichnung
für die Einheit und Einzigkeit Allahs. Der Iman
an Allah bedeutet folgendes: Die feste
Überzeugung ohne jeden Zweifel, daß Allah der Schöpfer und Herr aller Dinge ist, und
daß Er derjenige ist, der alleinig den Anspruch hat, angebetet zu werden. Zu dieser
Anbetung gehören Gebet, Fasten, Bittgebet. Ebenso gehört hierzu, daß man allein von
Allah etwas erwartet, nur Allah fürchtet, sich nur Allah unterordnet,.. Und schließlich
gehört dazu, daß man fest davon überzeugt ist, daß Er alle Eigenschaften der
Vollkommenheit besitzt, und daß Er frei ist von jeglicher Eigenschaft der
Unvollkommenheit.
Die Aspekte
der Einheit Allahs: Der Iman an Allah beeinhaltet die Einheit bezüglich
dreier Aspekte: 1.
Daß Er der alleinige Herr ist (Tauhid
ar-rububiyya) und daß es keinen anderen Herrn gibt, 2.
Daß Er der allein Anbetungswürdige ist (Tauhid al-uluhiyya) 3.
Die Einheit bezüglich Seiner Namen und Eigenschaften: Daß Er der
Vollkommene in Seinen Eigenschaften und Namen ist, und daß es keinen anderen Vollkommenen
gibt. Nur wenn der
Mensch von dem obengenannten überzeugt ist, besitzt er den richtigen Iman an Allah.
TEIL I:
Grundsätze
1 Grundsätze in den Beziehungen zwischen Muslimen und NichtmuslimenIn den folgenden Abschnitten dieses
einführenden Kapitels werden einige allgemeine Grundsätze betrachtet, die das Verhalten
von Muslimen gegenüber Nichtmuslimen bestimmen. 1.1 Friedliches Miteinanderleben, gegenseitiges Kennenlernen und rechtschaffenes Verhalten der Muslime gegenüber den NichtmuslimenAllah der Erhabene hat gesagt: "O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und
Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf daß ihr einander
kennenlernen möget. Wahrlich, vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der
Gottesfürchtigste ist."[49:13] Und Er hat auch gesagt: "Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die
euch nicht wegen des Din bekämpfen und euch
nicht aus euren Häusern vertreiben, gütig zu sein und redlich mit ihnen zu verfahren;
wahrlich, Allah liebt die Gerechten." [60:8] Aus diesen Versen läßt sich ein
Grundsatz für das Verhalten eines Muslims gegenüber Nichtmuslimen ableiten: Der Muslim
soll gütig und gerecht gegenüber allen Menschen sein - gleich welcher Abstammung oder
Religion -, solange sie sich nicht mit Gewalt der Verbreitung der Dawa, d.h. der Einladung
zum Islam, in den Weg stellen, oder gegen die Muslime mit Gewalt vorgehen. Die Ahlul-kitab
Die Ahlul-kitab, die Schriftbesitzer, nehmen unter den
Nichtmuslimen eine besondere Stellung ein. Mit Ahlul-kitab
sind diejenigen Nichtmuslime gemeint, deren Religion ursprünglich auf einem von Allah
herabgesandtem Buch basiert, selbst wenn dieses Buch mit der Zeit verfälscht und
verändert wurde, und sich diese Nichtmuslime nach dieser verfälschten Fassung richten.
Die Juden und die Christen gehören zu den Ahlul-kitab,
da deren Religion auf der Thora bzw. auf dem Evangelium basiert. Diejenigen z.B., die
behaupten, daß Jesus (Friede sei mit ihm) Gott sei, gehören ebenso zu den Ahlul-kitab wie diejenigen, die behaupten, daß
Maria die Mutter Gottes sei. Yusuf al-Qaradawi sagt in
[Qaradawi1992]: ...mit Ahlul-kitab sind diejenigen gemeint, deren Religion
ursprünglich auf einem von Gott geoffenbarten Buch basiert, selbst wenn dieses später
verändert und verfälscht wurde. Dazu gehören z.B. die Juden und die Christen, deren
Religionen auf der Thora bzw. dem Evangelium basieren.[4] Der Einwand, daß die heutigen
Christen keine Ahlul-kitab wären, ist nicht
gerechtfertigt. Denn bereits zur Zeit des Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) hatte
die Kirche die gleichen Anschauungen bezüglich Gott, Jesus und allgemeinen
Glaubensfragen.[5]
Trotzdem wurden sie zur Zeit des Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) als Leute der
Schrift (arab. Ahlul-kitab) bezeichnet, obwohl
sie theologisch gesehen als Kafirun betrachtet
wurden, wie aus den folgenden Quranversen hervorgeht: Wahrlich, Kufr begehen diejenigen, die sagen: "Messias,
der Sohn der Maria, ist Gott", während der Messias doch selbst gesagt hat: "O
ihr Kinder Israels, betet zu Gott, meinem Herrn und eurem Herrn." Wer Muschrik ist, dem hat Gott das Paradies verwehrt,
und das Feuer wird seine Herberge sein. Und die Frevler sollen keine Helfer finden. Wahrlich, Kufr begehen diejenigen, die sagen: "Gott ist
der Dritte von dreien"; und es ist kein Gott da außer einem Einzigen Gott. Und wenn
sie nicht von dem, was sie sagen, Abstand nehmen, wahrlich, so wird diejenigen unter
ihnen, die Kafirun bleiben, eine schmerzliche
Strafe ereilen. Wollen sie sich denn nicht reumütig
Gott wieder zuwenden und Ihn um Verzeihung bitten? Und Gott ist Allverzeihend, Barmherzig. Der Messias, der Sohn der Maria, war
nur ein Gesandter; gewiß, andere Gesandte sind vor ihm dahingegangen. Und seine Mutter
war eine Wahrhaftige; beide pflegten Speise zu sich zu nehmen. Siehe, wie Wir die Zeichen
für sie erklären, und siehe, wie sie sich abwenden. Sprich: "Wollt ihr statt Gott das
anbeten, was nicht die Macht hat, euch zu schaden oder zu nützen?" Und Gott allein
ist der Allhörende, der Allwissende. Sprich: "O Leute der Schrift
(arab. Ahlul-kitab), übertreibt nicht zu Unrecht in eurem Din und folgt nicht den bösen Neigungen von
Leuten, die schon vordem irregingen und viele irregeführt haben und weit vom rechten Weg
abgeirrt sind."[5:72-77][6] Der
Quran hält die Muslime an, in Din-Angelegenheiten
mit den Ahlul-kitab nur auf eine schöne Weise
zu diskutieren, damit keine Streitereien entstehen, und damit in den Herzen der Menschen
kein Fanatismus und Haß entsteht: "Und führt keine
Streitgespräche mit dem Volk der Schrift, es sei denn auf vortreffliche Art und Weise.
Ausgenommen davon sind die von ihnen, die Unrecht tun. Und sprecht: "Wir sind Muminun fürwahr an das, was uns als
Offenbarung herabgesandt worden ist und was zu euch herabgesandt wurde; und unser Gott und
euer Gott ist Einer; und Ihm sind wir ergeben."[29:46]
Für Muslime sind ihre Speisen und Getränke - sofern sie nicht ohnehin verboten
sind, wie z.B. Alkohol und Schweinefleisch, erlaubt insbesondere ist es den
Muslimen erlaubt, von den von ihnen geschlachteten Tieren zu essen, sofern sie
geschächtet wurden. Wenn also z.B. ein Christ ein Tier schlachtet und dabei sagt:
"Im Namen Gottes", so ist es für einen Muslim erlaubt, von diesem Fleisch zu
essen.
Eine muslimische Frau darf keinen Nichtmuslim heiraten. Hingegen ist es für einen
muslimischen Mann unter bestimmten Rahmenbedingungen[7]
gestattet, eine nichtmuslimische Frau zu heiraten. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören,
daß sie keusch ist und zu den Ahlul-kitab gehört. Dies ist in der Tat eine große
Toleranz des Islam, gestattet er doch, daß diejenige Frau, die das Haus eines Muslims
führt und seine Kinder erzieht, eine Nichtmuslima ist. Gleichzeitig sollte man jedoch sagen,
daß dies lediglich eine Erlaubnis darstellt; die Empfehlung lautet jedoch, nicht nur eine
Muslima, sondern eine gute Muslima zu heiraten, die fromm und islamisch lebt.
Diesbezüglich hat der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Heil seien mit ihm) gesagt: "Gewöhnlich
werden die Frauen aus viererlei Gründen geheiratet: Wegen ihres Vermögens, ihrer
Abstammung, ihrer Schönheit und ihrer Frömmigkeit im Islam. Du aber sollst dich
bemühen, ein fromme muslimische Frau zu bekommen. Dann hast du gewonnen."[8] Auf die Heirat zwischen einem Muslim
und einer nichtmuslimischen Frau und die Bedingungen, die daran geknüpft sind, wird in
Kap. 6 ausführlicher eingegangen. Verhalten gegenüber nichtmuslimischen Eltern
Eine wohl öfters gestellte Frage ist
die, wie sich ein neuer Muslim gegenüber seinen nichtmuslimischen Eltern verhalten soll.
Es ist bekannt, daß ein Muslim besonders zu seinen Eltern gütig sein soll. Was macht man
also z.B., wenn der Vater beleidigt ist, wenn man sich nicht an den Geburtstagstisch
setzt, an dem die anderen Alkohol trinken[9]?
Allgemein gilt das islamische Prinzip: "Kein
Gehorsam gegenüber einem Geschöpf, wenn dies mit Ungehorsam gegenüber dem Schöpfer
verbunden ist." In
allen weltlichen Dingen jedoch soll man sie gut und ehrenvoll behandeln - dies, obwohl sie
vielleicht versuchen, ihr Kind von den Anweisungen Gottes abzubringen: "Und Wir haben dem Menschen im Hinblick auf
seine Eltern anbefohlen - seine Mutter trug ihn in Schwäche über Schwäche, und seine
Entwöhnung erfordert zwei Jahre -: "Sei Mir und deinen Eltern dankbar. Zu Mir ist
die Heimkehr. Doch wenn sie dich auffordern, Schirk
zu betreiben, was gegen dein Wissen läuft, daß es nur einen Gott gibt, dann gehorche
ihnen nicht. In weltlichen Dingen aber verkehre mit ihnen auf gütige Weise. Und folge dem
Weg dessen, der sich zu mir wendet. Dann werdet ihr zu Mir zurückkehren, und ich werde
euch das verkünden, was ihr getan habt." [31:14-15] Allgemein kann man sagen, daß die
Freundschaft und Beziehung eines Muslims zu Nichtmuslimen soweit gehen kann, solange er
dabei nicht vom eigenen Din, dem Islam,
Abstriche machen muß oder eine der Regeln des Islam verletzt wird.
1.2 Die Nichtmuslime zum Islam einladen (Dawa)[10]Allah hat Muhammad (Allahs Segen und
Heil seien auf ihm) als abschließenden Gesandten zu der gesamten Menschheit entsandt.
Allah sagt im Quran: "...Und Wir haben dich nur als Bringer froher
Botschaft und Warner für alle Menschen entsandt..."[34:28] Damit die Botschaft Allahs zu
Lebzeiten Muhammads und nach seinem Tode auch wirklich zu allen Menschen gelangt, hat
Allah der muslimischen Gemeinschaft diese Pflicht auferlegt: "Und aus euch soll eine Gemeinde
werden, die zum Guten einlädt und das gebietet, was Rechtens ist, und das Unrecht
verbietet; und diese sind die Erfolgreichen."[3:104] Die Einladung zum Islam betrachtet
Allah als die vorzüglichste Tat des Muslim: "..Und wer ist besser in der Rede als der, der
zu Allah ruft, Gutes tut und sagt: "Ich bin einer der
Gottergebenen."?..."[41:33] Diese Einladung soll freundlich und
mit Weisheit erfolgen: "Rufe zum Weg deines Herrn mit
Weisheit und schöner Ermahnung auf, und streite mit ihnen auf die beste Art. Wahrlich,
dein Herr weiß am besten, wer von Seinem Wege abgeirrt ist; und Er kennt jene am besten,
die rechtgeleitet sind. "[16:125] Die erste weise Handlung in dieser
Beziehung ist es, eine angenehme und ansprechende Sprache zu wählen: "Siehst du nicht, wie Allah das Gleichnis eines
guten Wortes prägt? Es ist wie ein guter Baum, dessen Wurzeln fest sind und dessen Zweige
bis zum Himmel ragen. Er bringt seine Frucht zu jeder Zeit mit der Erlaubnis seines Herrn
hervor. Und Allah prägt Gleichnisse für die Menschen, auf daß sie nachdenken
mögen."[14:24-25] Wenn der Muslim die Einladung zum
Islam wirklich aufrichtig, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, ausspricht, so unterstützt
Allah den Mumin, und Er läßt die
Früchte dieses Wortes immer wieder hervorkommen. Ob der Nichtmuslim letztendlich den
Islam annimmt oder nicht, ist seine persönliche Sache. Sollte der Nichtmuslim den Islam
annehmen, freut sich der Muslim natürlich, daß Allah einen Menschen durch ihn vor dem
Höllenfeuer errettet hat. Sollte der Nichtmuslim jedoch der Einladung nicht folgen, so
hat der Muslim durch die bloße Einladung seine Aufgabe vor Gott erfüllt. Die Rechtleitung des Herzens, d.h. die
Akzeptanz und Annahme des Islam, ist etwas, was bei Allah liegt: "Dir obliegt nicht ihre
Rechtleitung, sondern Allah leitet recht, wen Er will"[2:272] Hätte dein Herr es gewollt, so wären alle auf
der Erde Muminun geworden. Willst du also
die Menschen dazu zwingen, Muminun zu
werden? Niemand steht es zu, Mumin zu
werden ohne die Erlaubnis Allahs. Und Er läßt (Seinen) Zorn auf jene herab, die ihre
Vernunft (dazu) nicht gebrauchen wollen.[10:99-100] Hierzu sollte angemerkt werden, daß
Allah niemanden dazu zwingt, Kafir zu werden.
Sondern es ist so, daß Allah demjenigen, der die Rechtleitung sucht, den Weg zur
Rechtleitung leicht macht. Denjenigen hingegen, der von sich selbst aus Kufr begehen will, den läßt Allah in die Irre
gehen. Wenn die Muslime die Nichtmuslime zum
Islam einladen und sie am Ende den Islam verstanden haben, hat dies eines von zwei Dingen
zur Folge: Entweder werden die Nichtmuslime Muslime oder aber sie bekommen ein
Verständnis für die Muslime und die islamischen Völker, was wiederum zum Frieden auf
dieser Welt beiträgt. Dieses friedliche Zusammenleben ist, wie wir am Anfang dieses
Kapitels gesehen haben, auch ein Ziel des Islam.
Für einen Muslim, der zum Islam einlädt, ist diese Handlung ein Mittel seiner eigenen Annäherung an Gott und ein Mittel, Sein Wohlgefallen zu erlangenAllah der Erhabene hat gesagt: "O du Mensch, du mühst dich hin
zu deinem Herrn, und du wirst ihm begegnen."[84:6] Dieser Vers bedeutet, daß jeder
Mensch - gleich ob Mumin oder Kafir - zwangsläufig einen Weg hin zu seinem
Schöpfer schreitet, zu dem er am Tag der Auferstehung zurückkehren wird. Der Unterschied zwischen einem Mumin und einem Kafir besteht darin, daß der Mumin diesen Weg bewußt schreitet. Er
versucht diesen Weg im Wohlgefallen Allahs zu gehen. Derjenige jedoch, der Gott leugnet,
geht diesen Weg unbewußt, bis schließlich im Jenseits, nach seinem Tode, ein böses
Erwachen stattfindet: Er findet sich plötzlich vor Allah, seinem Schöpfer, den er Zeit
seines Lebens geleugnet hatte. Hierzu sagt Allah: "Die Taten der Kafirun sind wie eine Luftspiegelung auf einer
Ebene, - der Durstige hält sie für Wasser, bis, wenn er dahin kommt, er da nichts
findet, und findet Allah bei sich, und Er begleicht ihm seine Abrechnung, und Allah ist
schnell bei der Abrechnung"[24:39] Da der Muslim, der zum Islam einlädt
in erster Linie ein Muslim und Mumin ist
und das Einladen zum Islam ein Gottesdienst ist, ist also die Dawa selbst ein Mittel für
ihn, das Wohlgefallen Allahs zu erlangen, während er sich zielstrebig auf seinem Weg zu
seinem Schöpfer befindet, dem er nach dem Tod begegnen wird. So kann man also klar den Unterschied
feststellen zwischen einem Muslim, der zum Islam einlädt, und irgendeinem anderen
Menschen, der zu einer bestimmten Ideologie einlädt. Derjenige, der zu einer bestimmten
Ideologie einlädt, verfolgt ein irdisches Ziel. Dies verhält sich nicht so beim
Muslim, der zum Islam einlädt. Es kann durchaus möglich sein, daß er keine aufrichtige
Absicht bei seiner Einladung zum Islam hatte. So lernten zwar einige Menschen etwas über
den Islam von ihm kennen, er selbst kommt aber ins Höllenfeuer, weil er diese Einladung
zum Islam aus eigensüchtigen Motiven heraus ausgesprochen hat. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und
Heil auf ihm) hat gesagt: "...Ein Mann, der Wissen erwarb
und es lehrte, wird (zu Allah) gebracht. Er läßt ihn wissen, welche Gnade Er ihm
gewährte, und er erkennt sie. Allah spricht: "Was hast du damit gemacht?" Er
antwortet: "Ich habe Wissen erworben und es weitergegeben, und ich rezitierte um
Deinetwillen den Quran." Allah spricht: "Du hast gelogen. Vielmehr lerntest du,
damit gesagt würde: Er ist ein Gelehrter, und du rezitiertest den Quran, damit gesagt
würde: Er ist ein Quran-Rezitator - was auch geschah." Dann wird
befohlen, ihn auf seinem Gesicht fortzuziehen und ins Feuer zu werfen..."[11]
Über den Islam informierenÜber den Islam zu informieren
bedeutet, den Islam klar und deutlich darzulegen. Dazu muß ein Muslim, der zum Islam
einlädt, selbst genügend Wissen über den Islam besitzen, d.h. über die verschiedenen
Bereiche der islamischen Wissenschaft wie z.B. ·
die Aqida
(d.h. die islamischen Iman-Inhalte), ·
den Fiqh
(d.h. die Wissenschaft des islamischen Rechtes), ·
die
Prophetenbiographie, ·
usw. Dies ist wichtig, damit man die
Menschen nicht falsch über den Islam informiert und sie so eher irreleitet als auf den
geraden Weg führt. Man kann im wesentlichen den Islam
folgendermaßen zusammenfassen: Die erste und größte Wahrheit ist,
daß Allah existiert. Desweiteren hat Allah, der Allmächtige, Gesandte zur Rechtleitung
der Menschen entsandt hat, von denen der letzte Muhammad (Allahs Segen und Heil auf ihm)
ist. Folgen die Menschen den Anweisungen Allahs, die er ihnen durch Seine Gesandten
mitteilt, werden sie im Jenseits für ewig belohnt werden; widersetzen sich jedoch die
Menschen den Anweisungen ihres Schöpfers und verweigern das Akzeptieren der Tatsache,
daß Er existiert, so werden sie für ewig bestraft werden. Said Hawwa (Allah möge ihm barmherzig
sein) schrieb eine dreiteilige Reihe mit dem Namen "Zielgerichtete Untersuchungen
über: 1. Allah, 2. Der Gesandte, 3. Der Islam".
Im ersten Band, "Allah", legt er eine Beweisführung für die Existenz
Allahs anhand von naturwissenschaftlichen Ergebnissen dar. Im zweiten Band, "Der
Gesandte", führt er eine Beweisführung dafür an, daß Muhammad (Allahs Segen und
Heil auf ihm) tatsächlich der Gesandte Allahs ist. Dabei betrachtet er u.a. den Charakter
Muhammads und seine Aufrichtigkeit, die sowohl von seinen Freunden wie auch seinen Feinden
bestätigt wurde. Desweiteren führt er Wunder Muhammads an. Außerdem wird aufgezeigt,
daß in den Überlieferungen sowohl der Christen als auch der Juden das Kommen Muhammads
angekündigt wurde. Es wird aufgezeigt, daß die Juden in Arabien auf sein Kommen
warteten, ihn dann auch erkannten, sich aber weigerten ihm zu folgen, weil er nicht aus
ihrem Volk kam. Diese wissenschaftliche Untersuchung über den Propheten (Allahs Segen und
Heil auf ihm) umfaßt etwa 500 Seiten, wobei am Anfang des Buches folgendes angemerkt ist:
"Wir werden in dieser Untersuchung sehen - durch Indizien und Beweisführung - daß
Muhammad tatsächlich der Gesandte Allahs ist und daß Muhammad der größte Mensch in
jeglicher Beziehung ist..." Im Vorwort zu dieser dreiteiligen
Reihe sagt Said Hawwa: "Der Leser dieser Reihe stellt fest, daß ich mich in den
ersten beiden Teilen "Allah" und "Der Gesandte" oft lange mit
verdeutlichenden Ausführungen, Erläuterungen und Beweisführungen aufhalte, wobei ich
dabei mit Geduld und Ruhe den menschlichen Verstand anspreche. Dabei gehe ich auf jeden
möglichen Zweifel und Einwand ein; der dritte Teil "Der Islam" hingegen ist
mehr eine Vorstellung als eine Erläuterung. Der Grund dafür ist der folgende: wenn der
Mensch erst einmal von der Existenz Allahs überzeugt ist, und davon, daß Muhammad Sein
Gesandter ist, dann bleibt ihm nichts anderes mehr übrig, als sich Seiner Religion und
Seinem Gesetz unterzuordnen. Es geht hier also nicht darum, daß jeder einzelne Teil des
Islam gerechtfertigt werden muß - obwohl diese Rechtfertigung ohne Zweifel vorhanden ist
-, sondern es geht beim dritten Teil darum, den Islam kennenzulernen. Denn der logische
Menschenverstand sagt: Dem Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sich unter Allahs
Gesetz unterzuordnen, denn Er ist der Herr und Seine Geschöpfe sind Seine Knechte, und
derjenige von beiden ist der Wissendere, der "dem
Menschen das gelehrt hat, was dieser nicht wußte"[96:5]...." U.a. in [As-Sabuni, Mourad], Kap.1.2
und in [Azzindani] wird ausführlich eine Beweisführung für die Wahrheit des Islam
vorgenommen. Die Einladung zum Islam beschränkt
sich jedoch keineswegs auf verbale Informationen über den Islam. Dawa bedeutet auch, daß
ein Muslim durch sein Verhalten den Islam vorlebt. Aischa, die Frau des Propheten (Allahs
Segen und Heil auf ihr) hat einmal gesagt: Der Charakter des Propheten war der Quran. Ein solches lebendiges Beispiel der
Dawa zeigt der folgende Bericht, den Ibn Kathir in seinem Geschichtswerk "Al-bidaya
wan-nihaha" (Der Anfang und das Ende) überliefert[12]: "...Der Kalif Ali (Allahs
Wohlgefallen sei auf ihm) verlor einmal seine Rüstung, welche er bei einem Christen
wiederfand. Daraufhin brachten sie die Angelegenheit vor den Richter Schuraih. Ali sagte:
"Die Rüstung ist meine, ich habe sie weder verkauft noch verschenkt." Daraufhin
befragte Schuraih den Christen nach dem, was der Kalif gesagt hatte. Da sagte der Christ:
"Die Rüstung ist meine. Der Befehlshaber der Muminun
(d.h. der Kalif) ist jedoch für mich kein Lügner." Schuraih wandte sich daraufhin zu Ali
und fragte ihn: "Hast du einen Beweis für deine Behauptung?", woraufhin Ali
lachte und sagte: "Schuraih hat richtig gerichtet. Ich habe keinen Beweis."
Daraufhin sprach der Richter dem Christen die Rüstung zu, weil sie sich in seinen Händen
befand und Ali keinen Beweis erbracht hatte, daß die Rüstung dem Christen trotzdem nicht
gehörte. Da nahm der Christ die Rüstung und ging weg. Er ging nur einige Schritte, kam
dann zurück und sagte: "Ich bezeuge, daß dies Gesetze sind, nach denen Propheten
richten. Der Kalif bringt mich zu dem von ihm eingesetzten Richter, der dann mir das Recht
zuspricht gegen den Kalifen! Ich bezeuge, daß es keinen Gott gibt außer Allah und daß
Muhammad der Gesandte Allahs ist. Die Rüstung ist deine Rüstung, o Kalif...ich bin dem
Heer gefolgt, als du von Siffin weggingst. Da ist die Rüstung von deinem Kamel ...
gefallen." Daraufhin sagte Ali (Allahs
Wohlgefallen sei auf ihm): "Da du nun
Muslim geworden bist, soll die Rüstung dir gehören!"..."
Liebevoller, barmherziger, geduldiger und respektvoller Umgang mit den neuen MuslimenIm Quran steht: "Und durch Barmherzigkeit von Allah warst du (o
Prophet) mild zu ihnen. Wärest du aber barsch und harten Herzens gewesen, dann wären sie
bestimmt von dir weggelaufen..."[3:159] Sayyid Qutb dazu: "Dies ist eine
Barmherzigkeit, die sowohl ihn (d.h. den Propheten) wie auch sie erfaßte. Diese
Barmherzigkeit ließ den Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) barmherzig und mild zu
ihnen sein. Wäre er aber hart und barsch gewesen, so würden sich nicht die Herzen um ihn
vereinigen...Die Menschen brauchen eine Atmosphäre der Barmherzigkeit, sie brauchen es,
daß man sich auf vorzügliche Art und Weise um sie kümmert, sie brauchen ein gütiges
Lächeln. Sie brauchen es, daß sie liebevoll behandelt werden und daß man geduldig ihre
Unwissenheit, ihre Schwächen und Fehler erträgt...sie brauchen jemanden mit einem
großen Herz, welches ihnen etwas gibt und nichts von ihnen verlangt, welches sich ihrer
Sorgen annimmt und nichts von seinen eigenen Sorgen auf sie ablädt. Sie brauchen einen
Menschen, bei dem sie jederzeit Fürsorge, Mitgefühl und Liebe finden, und der sie immer
so annimmt, wie sie sind...So jemand war der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Heil auf
ihm), und so war sein Zusammenleben mit den anderen Menschen. Er wurde nie zornig, außer
um Allahs willen. Niemals wurde er ungeduldig aufgrund ihrer menschlichen Schwächen.
Niemals behielt er etwas für sich von den irdischen Gütern, ohne bereit zu sein
abzugeben. Vielmehr gab er ihnen freigiebig alles, was er besaß. Seine Geduld, seine
Güte, sein Mitgefühl und seine edle Liebe umschloß sie...Niemand hatte mit dem
Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) Umgang, ohne daß sein Herz sich mit Liebe ihm
gegenüber füllte..."[13] Az-Zuhaili sagt in seinem
Qurankommentar zu diesem Vers: "Allah gab dem Propheten (Allahs Segen und Heil auf
ihm) einen solchen Charakter, damit die Muminun
ein Beispiel haben, dem sie nacheifern sollen."[14] Abu Huraira berichtete in einer
Überlieferung von Buchari: "Ein Wüstenaraber stand auf und urinierte in der
Moschee. Als die Leute nach ihm griffen, sagte der Phophet (Allahs Segen und Heil auf
ihm): "Laßt
ihn und gießt einen Eimer Wasser - oder etwas mehr - auf seinen Urin; denn eure Aufgabe
besteht darin, es den Menschen leichter zu machen, nicht es ihnen zu erschweren."
" Ebenfalls berichtet Abu Huraira (Allah
möge mit ihm zufrieden sein) in einer Überlieferung von Al-Bazar: "Einmal
kam ein Wüstenaraber zum Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm), um von ihm
finanzielle Hilfe[15] zu erbitten.
Da gab der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Heil auf ihm) ihm etwas und sagte: "Ich
habe dir Güte erwiesen." Darauf antwortete der Wüstenaraber: "Nein, und du
hast mir auch keinen Gefallen getan." Da wurden einige Muslime, die dabei waren,
zornig und wollten aufstehen und ihn packen. Da machte der Prophet (Allahs Segen und Heil
auf ihm) ihnen eine Andeutung, daß sie von ihm ablassen sollen. Der Gesandte Allahs
(Allahs Segen und Heil auf ihm) stand auf und ging zu seinem Haus. Als er sein Haus
erreichte, bat er den Wüstenaraber zu sich ins Haus und sagte: "Du bist zu uns
gekommen und hast um etwas gebeten. Wir haben dir daraufhin etwas gegeben, worauf du das
nämliche gesagt hast." Dann gab ihm der Prophet (Allahs Segen und Heil auf ihm) noch
etwas und sagte: "Ich habe dir Güte erwiesen." Da sagte der Wüstenaraber:
"Ja, möge Allah dich und deine Familie belohnen!" Der Prophet (Allahs Segen und
Heil auf ihm) sagte: "Du kamst zu uns, batest uns um etwas. Wir gaben dir daraufhin
etwas, worauf du das nämliche gesagt hast. Aufgrund dieser Worte hegen meine Gefährten
etwas gegen dich in ihren Herzen. Sage zu ihnen deshalb das, was du mir eben gesagt hast,
wenn du zu ihnen kommst, damit das, was sie gegen dich in ihren Herzen hegen,
verschwindet." Da sagte der Wüstenaraber: "Ja." Als der Wüstenaraber nun
zu den Prophetengefährten kam, sagte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Heil auf ihm):
"Euer Gefährte hier kam zu uns, bat uns um etwas, worauf wir ihm etwas gaben.
Daraufhin sagte er die nämlichen Worte. Daraufhin gaben wir ihm noch mehr, worauf er sich
zufrieden zeigte. War es nicht so, o du Wüstenaraber?" Der Wüstenaraber sagte:
"Ja, so war es. So möge Allah dich und deine Familie belohnen!" Daraufhin sagte
der Prophet (Allahs Segen und Heil auf ihm): "Das Gleichnis von mir und diesem
Wüstenaraber ist wie das eines Mannes, der eine Kamelstute besaß, die ihm durchging und
von ihm weglief, worauf die Leute ihr folgten. Dadurch lief die Kamelstute jedoch nur noch
mehr weg. Da sagte der Besitzer der Kamelstute: "Laßt mich alleine mit meiner
Kamelstute, denn ich bin gütiger zu ihr und kenne sie besser." Da wandte er sich zu
ihr, nahm einige pflanzliche Reste vom Boden auf und rief sie zu sich, bis sie zu ihm kam
und er sie bestieg...Wahrlich, hätte ich euch zu dem Zeitpunkt walten lassen, als der
Wüstenaraber seine beleidigenden Worte mir gegenüber sagte, (und ihr hättet ihn
getötet)[16],
so wäre er ins Feuer gekommen." Eins sollte jedoch noch in diesem
Abschnitt erwähnt werden. Der Islam erzieht den Menschen zu einem selbstständigen und
emanzipierten Menschen. Der Prophet (Allahs Segen und Heil auf ihm) erzog seine Gefährten
zu solchen Menschen. So sagt Allah am Ende des oben erwähnten Verses: ...und ziehe sie zur Beratung heran.[3:159]. Ein Beispiel für diese
selbstständige Denkweise der Gefährten war der Rat, den die Frau des Propheten, Umm
Salama, dem Propheten nach dem Vertrag von Hudaibiyya gab, als die Gefährten zögerten,
seine Anweisung, das islamische Ritual der Haarscherung bei der Pilgerfahrt
durchzuführen. Der Prophet war aufgrund dieses Verhaltens seiner Gefährten sehr böse,
da er ja diese Anweisung in seiner Eigenschaft als Prophet gab. Seine Frau sagte ihm
darauf, daß er doch selbst damit beginnen sollte, sich die Haare zu scheeren. Er tat dies
daraufhin, worauf die Gefährten ihm folgten. Die
Beziehung zwischen erwachsenen Muslimen sollte also immer eine brüderliche Beziehung
sein, und niemals eine sog. Meister-Schüler-Beziehung, in der der Schüler
nicht lernt, selbstständig zu denken.
TEIL II:Muslime
als Mehrheit
2 Verteidigung im IslamDer Inhalt dieses Kapitels ist im
wesentlichen [Maulawi87] entnommen. Weiterhin wurden [IbnKathir2] und [Sabiq3] benutzt. Wie bereits im Vorwort erwähnt, hat
das Thema des vorliegenden Kapitels keine praktische Relevanz für das Verhältnis der
Muslime zur nichtmuslimischen Mehrheit hier in Deutschland. Eine richtige
Auseinandersetzung mit diesem Thema hilft jedoch vielleicht, ein Feindbild gegenüber dem
Islam und den Muslimen abzubauen, welches auf einem falschen Geschichtsbild, in dem der
Islam sich mit Feuer und Schwert ausgebreitet hat, beruht. 2.1 Wann gehen Muslime mit militärischen Mitteln vor?Zusammengefaßt ist zu sagen, daß ein
militärischer Eingriff seitens der Muslime nur in folgenden Fällen erlaubt ist[17]: 1. Zur Selbstverteidigung, wenn ein
Angriff auf die Muslime von Seiten der Nichtmuslime erfolgt ist. Allah hat gesagt: Und
kämpft auf dem Weg Allahs gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet
nicht. Wahrlich, Allah liebt nicht diejenigen, die übertreten.[2:190] 2. Um die
Religionsfreiheit der Menschen zu garantieren. Etwas weiter unten wird dieser Fall
ausführlich behandelt. 3. Um
unterdrückte, schwache Menschen - gleich welcher Religion zu verteidigen. Maulawi
sagt in [Maulawi87]: Der Muslim hat nicht nur die Pflicht zu kämpfen, um sich
selbst und sein Land zu verteidigen, sondern er ist auch verpflichtet zur Verteidigung
eines jeden anderen Menschen - egal was für ein Mensch dies ist - zu kämpfen: Allah hat
gesagt: "Und was ist mit euch, daß ihr nicht
für Allahs Sache kämpft und für die der Schwachen - Männer, Frauen und Kinder -, die
sagen: "Unser Herr, führe uns heraus aus dieser Stadt, deren Bewohner ungerecht
sind, und gib uns von Dir einen Beschützer, und gib uns von Dir einen
Helfer."?"[4:75]... Im folgenden soll vor allem auf den 2.
Fall eingegangen werden. Hier
ist in zusammengefaßter Form das wiedergegeben, was Dr. Wahbat az-Zuhaili[18],
einer der großen Rechtsgelehrten und Qurankommentatoren unserer Zeit, zu diesem Thema
gesagt hat: "Die große Mehrheit der
Rechtsgelehrten der malikitischen, hanafitischen und hanbalitischen Rechtsschulen sagt,
daß der Beweggrund für den Kampf die Bekriegung, Bekämpfung und Übertretung von Seiten
der Kafirun ist - und nicht deren Kufr. Niemand wird allein wegen seines Kufr getötet, sondern aufgrund seines Angriffs
gegen den Islam. Es ist nicht erlaubt, diejenigen zu bekämpfen, die nicht den Islam bzw.
die Muslime angreifen. Mit diesen Menschen sollen die Muslime auf friedliche Weise
umgehen. ... Wenn es erlaubt wäre, wegen Kufr jemanden zu töten, dann wäre es auch
erlaubt, jemanden zum Islam zu zwingen. Dies ist aber aufgrund des eindeutigen Verses "Es gibt keinen Zwang im Din..."[2:256] und aufgrund des Beispiels
des Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) untersagt, welcher nie jemanden zur Annahme
des Islam gezwungen hat..."[19]. Die obige Aussage Az-Zuhailis zitiert
Maulawi in seinem Buch "Die Prinzipien der Scharia, auf denen die Beziehungen
zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gegründet sind"[20]
und kommentiert hierzu: "Wir wollen hier klarstellen,
daß mit Bekriegung und Angriff nicht nur gemeint ist, daß Armeen sich zum Kampf
formieren. Die Bedeutung von Bekriegung hat einen umfassenderen Sinn. Wenn Menschen davon
abgehalten werden, den Islam anzunehmen bzw. versucht wird, sie wieder davon abzubringen,
so ist dies auch eine Art der Bekriegung[21]
- dies kann sogar manchmal schlimmer als Kampf und Töten sein. Aus diesem Grund hat Allah
gesagt: "...Und fitna[22]
ist schlimmer als Töten..."[2:217] und Er hat gesagt: "Und kämpft gegen sie, bis es
keine fitna mehr gibt und der Din für Allah ist... [2:193]" und "Und kämpft gegen sie, bis es
keine fitna mehr gibt und der Din ganz für Allah ist... [8:39]" So hat Allah es den Muslimen zur
Aufgabe gemacht, allen Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, frei wählen zu können, ob
sie den Islam annehmen oder ablehnen wollen. Wenn also die Menschen vom Islam abwegig
gemacht werden oder aber sich jemand dagegen stellt, daß die Menschen den Islam
kennenlernen oder den Islam annehmen können, so ist dies eine Übertretung. Eine solche
Übertretung ist ein Grund für die Muslime, in einen militärischen Krieg einzutreten[23],
um die Unterdrückten zu befreien und das Abwegigmachen der Menschen vom Islam zu
beseitigen. Der Krieg wird also geführt, damit sich die Menschen frei entscheiden
können, was sie wollen. Was die Aussage Allahs "und
der Din für Allah ist"[2:193] betrifft,
so bedeutet das nicht, daß alle Menschen Muslime werden sollen. Ein solches Verständnis
stünde im Widerspruch zu vielen anderen Versen, wie z.B.: "Und hätte Allah gewollt, so
hätte Er sie zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht"[42:8] und "doch sie wollten nicht davon
ablassen, uneins zu sein"[11:118] und ".. Und die meisten Menschen werden nicht Muminun werden, magst du es auch noch so
eifrig wünschen.[12:103]. Das richtige Verständnis der Aussage
Allahs "und der Din für
Allah ist"[2:193] ist, daß die Menschen ihre Religion bzw. Lebensweise
ausschließlich um Allahs Willen wählen - ohne jeglichen Druck und Zwang, selbst wenn sie
in unseren Augen eine falsche Wahl treffen würden."[24]
Wenn das Abwegigmachen aufhört, und die Menschen fern von Zwängen ihre Religion
bzw. Lebensweise wählen können, dann hört auch die Androhung mit Kampf bzw. der Kampf
auf.
2.2 Die militärische Auseinandersetzung der Gefährten des Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) mit den Byzantinern und den PersernDer Normal-
bzw. Grundzustand im Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ist der, in dem die
Muslime die Nichtmuslime zum Islam einladen, und nicht der Zustand des Kampfes zwischen
beiden Nachdem der Prophet (Allahs Segen und
Heil auf ihm) und die muslimische Gemeinschaft in Medina den ersten islamischen Staat
errichtet hatten, begann der Prophet (Allahs Segen und Heil auf ihm) damit, Gesandte zu
den Herrschern der umliegenden Gebiete bzw. Staaten zu entsenden, um diese zum Islam
einzuladen. Diese Entsendungen fanden im Zeitraum zwischen den Jahren 6 n.H. bis 10 n.H.
statt. Er sandte[25] ·
Duhya bin
Khalifa al-Kalbi zum byzantinischen (d.h. oströmischen) Kaiser, ·
Abdullah
ibn Hudhafa zum persischen Herrscher, ·
Amr bin
Umayya zum Negus, dem Herrscher Abessiniens, ·
Hatib bin
abi Baltaa zu Muqauqis, dem Herrscher Alexandrias, ·
Amr bin
al-As zu Dschaifar und Ayyan, den Söhnen von Hulundi al-Azdayin, dem Herrscher Omans, ·
Sulait bin
Amr zu Tamama bin Athal und Haudha bin Ali al-Hanfaiin, den beiden Herrschern Yamamas, ·
al-Alaa bin
al-Hadrami zu Mundhir bin Sawa al-Abdi, dem Herrscher Bahrains, ·
Schadscha'
bin Wahab zu Harth bin abi Schamr al-Ghassani, dem Herrscher des Grenzgebietes von
Asch-Scham, ·
Schadscha'
bin Wahab zu Dschablatu bin Aiham al-Ghassani und ·
Muhadschir
ibn Abu Aima al-Makhzumi zu al-Harath bin Abd Kalal al-Humairi, dem Herrscher Jemens. Die Reaktionen auf die Gesandtschaften
verliefen unterschiedlich. Die Muslime
bekämpften die Byzantiner und die Perser, um die unterdrückten Völker davon zu
befreien, mit Gewalt vom Islam abgehalten zu werden - Der Grund für die Schlacht von
Mu'ta, der ersten Schlacht zwischen den Muslimen und den Byzantinern, war der, daß
Scharhabil ibn Amr al-Ghassani, einer der Befehlshaber des byzantinischen Kaisers
Heraklios, al-Harith ibn Amr getötet hatte, welcher ein Gesandter des Propheten zum
Herrscher von Basra war. Scharhabil hatte ihn gefragt, ob er ein Gesandter von Muhammad
sei, was al-Harith ibn Amr bejahte. Daraufhin tötete ihn Scharhabil. Dies war der Grund
für die Entsendung einer muslimischen Armee unter Führung von Zaid bin Haritha, um die
erste Schlacht gegen die Byzantiner in Mu'ta zu führen. Es war damals und ist bis heute
eine allgemein anerkannte Übereinkunft zwischen den Menschen, daß man Botschafter nicht
tötet.[26]
Nach allen Rechtssystemen der Gegenwart und Vergangenheit kommt der Mord an einem
Botschafter einer Kriegserklärung gleich. In dieser Schlacht siegten die Muslime
nicht, da das muslimische Heer nur aus dreitausend Mann bestand. Die Byzantiner hatten
hingegen einhunderttausend Mann unter der Führung Theodors, des Bruders von Heraklios,
zusammengezogen. Die Muslime hatten eigentlich nicht vorgehabt, die Byzantiner zu
bekämpfen; sie wollten lediglich Scharhabil bekämpfen, weil dieser den Botschafter des
Propheten getötet hatte. Die Byzantiner unterstützten jedoch die Ghassanis, und so kam
es zu mehreren Schlachten, die schließlich dazu führten, daß die Muslime das gesamte
Gebiet von Asch-Scham eroberten. Als die Einladung des Propheten den
byzantinischen Kaiser Heraklios erreichte, nahm er anfangs keine ablehnende Haltung ein.
Der dort anwesende Abu Sufyan berichtete dem Kaiser genaueres über Muhammad (Allahs Segen
und Heil auf ihm). Abu Sufyan war Führer der Muschrikun
von Mekka, welche den Muslimen gegenüber feindlich gesinnt waren, und die Muslime
zunächst in Mekka verfolgt hatten und später nach der Auswanderung der Muslime nach
Medina, gegen sie Kriege geführt hatten. Abu Sufyan wurde später Muslim, zu dem
Zeitpunkt jedoch, als er beim byzantinischen Kaiser war, war er noch nicht Muslim. Nach
dem Gespräch mit Abu Sufyan sagte Heraklios: "Ich wußte, daß der Prophet kommen
würde. Ich habe bloß nicht gedacht, daß er einer von euch sein würde. Wenn ich
wüßte, daß ich zu ihm gelangen könnte, würde ich Strapazen auf mich nehmen, um ihn zu
treffen. Und wenn ich bei ihm sein würde, würde ich ihm die Füße waschen...". Abu
Sufyan berichtet weiter: "Als Heraklios dies gesagt hatte, und mit dem Lesen des
Briefes des Gesandten Allahs fertig war, wurde es um ihn herum unruhig. Die Stimmen wurden
lauter, und wir wurden herausgeführt...".[27] Diese Aussage Abu Sufyans zeigt den
Druck, dem Heraklios von Seiten seiner Gefolgschaft ausgesetzt war, so daß er von einer
anfänglichen Annahme der Botschaft Muhammads zu einem Zusammenziehen eines Heeres zur
Bekämpfung der Muslime überging. Wenn der Druck auf Heraklios dieses Ausmaß erreichte,
wie war dann erst der Druck auf das gewöhnliche Volk?! Wir können nun klar den folgenden
Satz verstehen, den der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Heil auf ihm) in dem Brief an
Heraklios gerichtet hat: "...Wenn du dich abwenden solltest, d.h. den
Islam ablehnen solltest, so wird die Sünde deiner Untertanen auf dir lasten...". Noch deutlicher wird diese
Unterdrückung in der folgenden Überlieferung klar, die in [IbnKathir2] steht: Ibn Dscharir berichtet in seinem
Geschichtswerk: Ibn Hamid berichtete uns: Salama berichtete uns: Muhammad ibn Ishaq
berichtete uns von einem Gelehrten, daß dieser gesagt hat: Heraklios sagte zu Duhya bin Khalifa
al-Kalbi, als dieser zu ihm mit dem Brief des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Heil auf
ihm) kam: Bei Gott, ich weiß sehr wohl, daß dein Gefährte ein (von Gott)
gesandter Prophet ist, und er derjenige ist, auf den wir warteten und den wir
(angekündigt) in unserem Buch finden. Jedoch fürchte ich die Byzantiner. Sonst würde
ich ihm folgen. Geh zu Safatir, dem Bischof, und berichte ihm über die Angelegenheit
eures Gefährten, denn er gilt in den Augen der Byzantiner mehr als ich und kann besser
mit ihnen als ich reden. Schau mal, was er dir sagt. Daraufhin traf Duhya mit ihm
zusammen und berichtete ihm von der Botschaft, mit der er vom Gesandten Allahs (Allahs
Segen und Heil auf ihm) zu Heraklios geschickt wurde und von dem, zu dem der Gesandte
Allahs (Allahs Segen und Heil auf ihm) einlud. Da sagte Safatir: Bei Gott, euer
Gefährte ist ein (von Gott) gesandter Prophet, den wir von seinen Eigenschaften her
kennen und der in unserem Buch mit seinem Namen erwähnt ist. Dann ging er hinein,
zog seine schwarze Kleidung aus und zog anstatt dessen weiße Kleidung an. Dann nahm er
seinen Stab und trat hinaus in die Kirche zu den Byzantinern und sagte: O ihr
Byzantiner, zu uns ist ein Brief von Ahmad[28]
gekommen, in dem er uns zu Gott einlädt. Ich
bezeuge, daß es keinen Gott außer Allah gibt und daß Ahmad Sein Diener und Gesandter
ist[29].
Daraufhin eilten sie auf ihn einheitlich zu und schlugen ihn, bis sie ihn töteten. Als
Duhya zu Heraklios zurückkehrte und ihm dies berichtete, sagte er: Ich sagte dir
doch, daß wir sie fürchten. Bei Gott, Safatir galt bei ihnen mehr als ich und hatte mehr
Überzeugungskraft ihnen gegenüber, wenn er mit ihnen redete. ...[30] Jetzt
wird klar, daß die Muslime die Byzantiner somit aus zwei Gründen bekämpften: Erstens
als Vergeltung für den Mord an dem Botschafter des Propheten und zweitens, um den
unterdrückten Völkern, die sich unter der Herrschaft der Byzantiner befanden, die
Freiheit zu geben, sich frei und ohne Druck für oder gegen die Annahme des Islam zu
entscheiden. - Nachdem der persische Herrscher den
Brief des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Heil auf ihm) gelesen hatte, zerriß er
diesen und ließ Badhan, seinem Statthalter im Jemen, ausrichten, daß er zwei starke
Männer zu Muhammad schicken solle, die ihm Muhammad bringen sollten. Badhan führte auch
tatsächlich den Befehl aus und schickte zwei Männer zu Muhammad. Jedoch endete die
Angelegenheit damit, daß Badhan und seine Männer Muslime wurden und sich der Islam im
Süden der arabischen Halbinsel unter den bisherigen Christen und Zoroastriern stark
ausbreitete. Mit
dem Zerreißen des Briefes und dem Entsenden von Soldaten, um den Propheten zum persischen
Herrscher zu bringen, hatten die Perser den Muslimen den Krieg erklärt. Berücksichtigt
man noch die soziale und religiöse Unterdrückung, die im persischen Reich genauso wie im
byzantinischen Reich herrschten, so werden die Gründe für das militärische Eingreifen
der Muslime gegen die Perser und die Byzantiner klar: Sie waren einerseits Reaktionen auf
eine Kriegserklärung und andererseits Befreiungsaktionen der Völker von Unterdrückung
und von Druckausübung bezüglich der Wahl des Din.
Die Muslime kämpften dafür, daß jeder Mensch frei und ohne irgendeinen Druck den Din auswählen konnte, den er wollte. Die Muslime kämpften nicht gegen die
Völker selbst, sondern gegen die ungerechten Regime. Deshalb waren die Völker auch auf
der Seite der Muslime, selbst wenn sie ihre frühere Religion beibehielten. Im folgenden werden einige Stellen aus
dem Buch "Die Einladung zum Islam" des Orientalisten Sir Thomas Arnold zitiert: ·
Sir Thomas
Arnold zitiert aus dem Buch Al-Kharadsch
von Abu Yusuf: "Als Abu Ubaida, der muslimische
Heeresführer im Gebiet des Asch-Scham, erfuhr, daß Heraklios ein großes Heer
mobilisiert hatte, um gegen die Muslime anzutreten, schrieb er an die Verantwortlichen der
von den Muslimen verwalteten Städte, und wies sie an, dem Volk die bezahlte Dschizya[31]
wieder zurückzuerstatten. Weiterhin schrieb er zu den Bürgern der Städte: "Wir
haben euch euer Geld zurückerstattet, weil uns die Kunde erreicht hat, daß sich ein
großes Heer gegen uns gesammelt hat. Weil es aber eine Bedingung des Vertrages zwischen
uns und euch war, daß wir euch beschützen, wir jetzt aber nicht in der Lage sind, dies
zu tun, erstatten wir euch das zurück, was wir von euch genommen haben. Wir verbleiben
bei den Bedingungen, die zwischen uns und euch ausgehandelt wurden, sollte Allah uns gegen
die Feinde zum Sieg verhelfen."
Die Christen beteten daraufhin um Segen für die Führer der Muslime und sagten:
"Möge euch Gott zu uns zurückführen und euch gegen die Byzantiner helfen. Wenn sie
an eurer Stelle wären, hätten sie uns nichts zurückerstattet, und hätten uns alles
genommen, was wir noch haben... ·
Sir Thomas
Arnold berichtet auch, wie die Perser die orthodoxen Christen unterdrückt hatten, und wie
die Muslime sie von dieser Unterdrückung befreiten: "Im fünften Jahrhundert brachte
Busuma, ein nestorianischer[32]
Priester, den persischen Herrscher dazu, der orthodoxen Kirche einen schweren Schlag zu
versetzen. Es wird berichtet, daß 7800 Kirchenmänner der orthodoxen Kirche und eine
riesige Anzahl von weltlichen Bürgern bei dieser Verfolgung abgeschlachtet wurden.
Chosroe II. verfolgte die orthodoxen Christen ein weiteres Mal, nachdem die Byzantiner
unter Heraklios gegen das persische Reich gekämpft hatten.
Die islamische tolerante Grundhaltung verbot jedoch ein solches Vorgehen, welches
auf Ungerechtigkeit beruht. Vielmehr scheuten die Muslime keine Mühe, um ihre
christlichen Bürger gerecht und korrekt zu behandeln. Ein Beispiel dafür ist folgende
Begebenheit: Als die Muslime Ägypten eroberten, nutzten die Jakobiter die Gelegenheit,
daß die byzantinischen Machthaber nicht mehr da waren, um die orthodoxen Kirchengebäude
für sich einzunehmen. Die Muslime jedoch gaben sie ihren rechtmäßigen Eigentümern
wieder zurück, nachdem die orthodoxen Christen beweisen konnten, daß die Kirchengebäude
ihnen und nicht den Jakobitern gehörten. ·
Sir Thomas
Arnold zitiert im selben Buch die Worte des jakobitischen Patriarchs von Antiochia[33],
Michael des Großen, nachdem er die Verfolgungen aufzählte, die Heraklios begangen hatte: "...Gott ist der Rächende, und
Ihm allein schreiben wir die Macht und die Herrschaft zu; Er führt den Staat der Menschen
so, wie Er es will, und Er gibt die Macht, wem Er will und Er erhöht die Niedrigen. Als Gott sah, wie die üblen
Byzantiner von der Gewalt Gebrauch machten, und in ihrem gesamten Reich unsere Kirchen
raubten, sich unserer Einsiedeleien bemächtigten, und uns erbarmungslos und mitleidslos
verfolgten, schickte Er die Söhne Ismaels aus dem Süden, um uns durch sie aus der Gewalt
der Byzantiner zu befreien...". Alle diese Berichte bestätigen
folgendes: 1. Die Völker waren
unterdrückt, und die Muslime kämpften nur, um die Menschen vom Religionszwang und der
Unterdrückung zu befreien; 2. Die Muslime haben
tatsächlich die Menschen von der Unterdrückung befreit; 3. die Muslime gaben den
Völkern die Freiheit, bei ihrer Religion zu bleiben, oder diese zu wechseln. Wenn es
große Wellen von Übertritten zum Islam gab, so lag dies vor allem an dem, was die
Menschen im Islam selbst an Menschlichkeit wahrnahmen. Dies bestätigen viele
Orientalisten - vor allem Sir Thomas Arnold in dem oben erwähnten Buch "Die
Einladung zum Islam".
3 Nichtmuslime im islamischen Staat[34]Im Vorwort wurde bereits darauf
verwiesen, daß dieses Kapitel keine unmittelbar praktische Relevanz für das Verhältnis
der Muslime zu den Nichtmuslimen hier im Westen hat. U.a. aus folgenden Gründen ist der
Inhalt dieses Kapitel trotzdem mit in dieses Buch aufgenommen worden: 1. Um ein
umfassendes, ausgeglichenes Gesamtbild vom Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen
zu bekommen, ist es sinnvoll, auch diesen Aspekt bzw. diese Situation zu betrachen; 2. um sich
selbst ein Bild von dem zu machen, wie islamisch eigentlich die heutigen Staaten der
muslimischen Welt sind, ist es nötig zu wissen, wie eigentlich ein islamischer Staat -
und insbesondere die dortige Behandlung Andersgläubiger - sein sollte. 3.1 Die Ahlu-Dhimma (Dhimmis)Die Nichtmuslime in einem islamischen
Staat werden als "Ahlu-Dhimma" oder als "Dhimmis" bezeichnet. Qaradawi
sagt : Das Wort "Dhimma"
beinhaltet die Bedeutungen "Vertrag", "Garantie" und
"Sicherheit". Die Nichtmuslime im islamischen Staat wurden so genannt, weil sie
einen Vertrag mit Allah, Seinem Gesandten und der muslimischen Gemeinschaft abgeschlossen
hatten. Dieser
Vertrag garantiert, daß die Nichtmuslime, die diesen Vertrag mit den Muslimen geschlossen
haben, sicher unter dem Schutz des Islam und der muslimischen Gemeinschaft leben können.
Diesen Vertrag, der "Dhimma-Vertrag" genannt wird, schließen die Nichtmuslime
mit der muslimischen Gemeinschaft ab. Durch diesen Vertrag erlangen die Nichtmuslime das,
was man heute eine Staatsbürgerschaft nennt. Sie erlangen dadurch die volle
Staatsbürgerschaft mit den entsprechenden Pflichten und Rechten. Sie
sind gegenüber den Muslimen keineswegs Bürger zweiter Klasse. Was die Menschen- und
Staatsbürgerrechte anbetrifft, sind sie den Muslimen völlig gleichgestellt. Der
Dhimma-Vertrag ist ein zeitlich unbegrenzter Vertrag, der den Nichtmuslimen den
ungestörten Verbleib bei ihrer Religion sichert und sie unter den Schutz der muslimischen
Gemeinschaft stellt. Da der Vertrag einen alles umfassenden Schutz garantiert, sind die
Nichtmuslime vom Militärdienst befreit. Als Gegenleistung dafür verpflichten sie sich,
in Dingen, die nicht die Religion betreffen, die Gesetze des islamischen Staates zu achten
und die sog. "Dschizya", eine Abgabe, auf die in Unterkapitel 3.3 näher
eingegangen wird, zu entrichten. Die Dschizya ist u.a. auch als Gegenleistung für die
Befreiung vom Militärdienst anzusehen. Diese Befreiung rührt daher, daß das muslimische
Heer eigentlich um des Islam Willen kämpft, und es wäre nicht gerecht, wenn ein
Nichtmuslim gezwungen wäre, in einem solchen Heer mitzukämpfen. Wenn er jedoch
mitkämpfen möchte, ist es möglich, daß er von der Dschizya befreit wird, wie dies in
der Geschichte öfters der Fall war. Ergänzend
sollte erwähnt werden, daß nicht nur Juden und Christen im islamischen Staat als
Ahlu-Dhimma akzeptiert werden, sondern auch alle anderen Gruppen von Nichtmuslimen.
Lediglich in einer Zone um Mekka und Medina dürfen keine Nichtmuslime leben.[35] Der
Dhimma-Vertrag beinhaltet Rechte und Pflichten für beide Vertragspartner - Muslime und
"Ahlu-Dhimma". In den folgenden Unterkapiteln werden die Rechte und Pflichten
der "Ahlu-Dhimma" näher erläutert. 3.2 Die Rechte der Ahlu-Dhimma1- Recht auf Schutza) Schutz vor Aggression von
außerhalb des islamischen Staates b) Schutz vor Unterdrückung innerhalb
des islamischen Staates oder von Seiten des islamischen Staates Der Gesandte Gottes (Allahs Segen und
Heil auf ihm) hat gesagt: "Wenn
jemand jemanden, mit dem ein Vertrag geschlossen wurde, unterdrückt, eines seiner Rechte
beraubt, ihn über seine Kräfte hinaus belastet oder von ihm etwas gegen sein
Einverständnis nimmt, so werde ich am Tag der Auferstehung in dieser Sache für
denjenigen, mit dem der Vertrag geschlossen wurde, eintreten.[36]
2- Leiblicher SchutzDer Gesandte Gottes (Allahs Segen und
Heil auf ihm) hat gesagt: "Wer
jemanden, mit dem ein Vertrag geschlossen wurde, tötet, wird den Geruch des Paradieses
nicht riechen, und der Geruch des Paradieses ist in einer Entfernung von 40 Jahren zu
riechen."[37] Im Islam steht auf Mord die
Todesstrafe. Jedoch hat die Familie des Ermordeten das Recht, dem Mörder zu verzeihen und
anstatt dessen ein Blutgeld zu fordern. In diesem Fall wird der Mörder nicht getötet. Einmal wurde zu Ali (Allah möge mit
ihm zufrieden sein), dem vierten der sog. rechtschaffenen ersten Kalifen, ein muslimischer
Mann gebracht, der einen nichtmuslimischen Staatsbürger getötet hatte. Ali befahl, den
Muslim zu töten. Da kam der Bruder des Getöteten und sagte: "Ich habe ihm
verziehen." Ali antwortete ihm: "Haben sie dich vielleicht bedroht...?" Der
Mann sagte: "Nein. Es bringt mir jedoch auch nicht meinen Bruder zurück, wenn er
getötet wird. Sie haben mir aber eine Entschädigung gegeben, und ich bin damit
zufrieden." Ali sagte: "Du mußt es wissen. Es ist jedoch so, daß das Blut
dessen, der durch das Dhimma-Abkommen unter unserem Schutz steht, so behandelt wird, wie
unser eigenes Blut, und daß das für ihn zu entrichtende Blutgeld so wie das für uns zu
entrichtende Blutgeld ist."[38] Die Nichtmuslime dürfen auf keinen
Fall diskriminiert werden, selbst wenn sie ihrer finanziellen Verpflichtung gegenüber dem
Staat - wie z.B. der Dschizya - nicht nachkommen. Die Rechtsgelehrten vertreten die
Meinung, daß es in einem solchen Fall als maximale Sanktion gestattet ist, den
betreffenden Nichtmuslim zur Zurechtweisung einzusperren. Im Gegensatz dazu werden die
Muslime sehr unter Druck gesetzt, damit sie die Zakat[39]
bezahlen. Die Zakat gehört zu den Säulen des Islam und ist eine Abgabe, die jeder Muslim
entrichten muß, der dazu in der Lage ist. Wenn ein Nichtmuslim zur
Zurechtweisung eingesperrt wird, darf dies keinesfalls mit Folter oder entwürdigenden
Maßnahmen verbunden sein. Abu
Yusuf berichtet in seinem Buch Al-Kharadsch:
"Einmal sah der Prophetengefährte Hakim bin Haschim in Homs[40]
einen Mann, wie er die Menschen in der Sonnenhitze stehen ließ, während sie die Dschizya
bezahlten. Da sagte Hakim bin Haschim zu ihm: "Was soll denn das? Ich hörte
den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Heil auf ihm) sagen: "Allah
der Erhabene quält (bzw. bestraft) diejenigen, die im irdischen Leben die Menschen
quälen."[41]
" "
3- Unantastbarkeit des BesitzesIn dem Vertrag, den der Prophet
(Allahs Segen und Heil auf ihm) mit den christlichen Einwohnern Nadschrans abschloß,
wurde folgendes festgelegt: "...Nadschran und ihre
Gefolgschaft sind unter den Schutz Allahs und Muhammads, des Propheten und Gesandten,
gestellt bezüglich ihres Besitztums, ihres Handels und alles, was sich in ihren Händen
befindet, sei es viel oder wenig..."[42] Wenn ein Muslim in einem islamischen
Staat eine Alkoholflasche zerstört, welche einem anderen Muslim gehört, so wird er nicht
dafür bestraft. Im Gegenteil, dies gilt als Verhinderung eines Übels. Wenn ein Muslim
jedoch bei Christen eine Alkoholflasche zerstört, muß er sie ersetzen, weil dies zu
ihrem Besitz gehört, der ihnen zusteht.[43] Der vierte Kalif Ali (Allah möge mit
ihm zufrieden sein) sagte: "Die Nichtmuslime entrichten die Dschizya, damit ihr Blut
wie unser Blut und ihr Besitztum wie unser Besitztum behandelt wird." Die Behandlung der Nichtmuslime
verblieb bei diesem Grundsatz, und zwar die vielen Jahrhunderte der islamischen Herrschaft
hindurch. Wer
also z.B. von einem Nichtmuslim etwas gestohlen hatte, dem wurde genauso die Hand
abgeschlagen, wie wenn er von einem Muslim etwas gestohlen hätte.
4- Schutz der EhreDer Islam schützt die Ehre des
Nichtmuslims im islamischen Staat, so wie er die Ehre des Muslims schützt. Es ist
verboten, einem Dhimmi übel nachzureden, ihn zu beleidigen oder ihn ungerechterweise
anzuschuldigen. Der malikitische Gelehrte al-Qarafi
hat gesagt: "Durch den Dhimma-Vertrag haben
sie Rechte gegenüber uns, weil sie sich unter unserem Schutz und unter unserer
Sicherheitsgarantie befinden, wie auch unter dem Schutz und der Sicherheitsgarantie
Gottes, Seines Gesandten (Gottes Segen und Heil auf ihm) und der Religion des Islam. Wer
sich ihnen gegenüber einer Überschreitung schuldig macht, und sei es nur durch ein
schlechtes Wort oder durch üble Nachrede, der hat die Schutzgarantie Gottes, Seines
Gesandten (Allahs Segen und Heil auf ihm) und des Islam nicht bewahrt, sondern
mißachtet." 5- Alters-, Sozial- und PflegeversicherungEin Dhimmi wird automatisch von der
Staatskasse versorgt, wenn er arm, zu alt oder arbeitsunfähig ist. Dies deshalb, weil die
Nichtmuslime im islamischen Staat zu denjenigen gehören, die sich unter der Obhut des
Staates befinden. Der Prophet (Friede sei mit ihm) hat gesagt: "Ihr alle
seid Hirten, und jeder Hirte ist verantwortlich für seine Herde."[44]
Der muslimische Heerführer und Prophetengefährte Khalid ibn Walid schrieb im
Dhimma-Vertrag mit den Bewohnern von Hira im Irak, welche Christen waren, folgendes:
"..Folgende Dhimmis sind von der Dschizya befreit, und sie und ihre Familien werden
aus der muslimischen Staatskasse versorgt, solange sie sich im Land des Islam (d.h. im
islamischen Staat) aufhalten: ·
ein
arbeitsunfähiger Greis; ·
jemand, der
von Schicksalsschlägen heimgesucht wurde; ·
jemand, der
reich war, aber verarmt ist und auf dem Schulden lasten, und dem man nun Almosen gibt. ..."[45] Umar, der zweite Kalif, sah einmal
einen alten jüdischen Mann, wie er vor den Leuten bettelte. Er erfuhr, daß sein Alter
und die Bedürftigkeit ihn dazu trieben. Da nahm er ihn und ging mit ihm zur muslimischen
Staatskasse und befahl, daß man ihn und seinesgleichen ausreichend versorgen solle, und
sagte: "Wir haben uns nicht gerecht zu ihm verhalten, da wir von ihm die Dschizya
nahmen, solange er ein junger Mann war, und ihn nun fallen lassen und nicht unterstützen,
da er nun ein alter und arbeitsunfähiger Mann geworden ist."[46]
6- Bekenntnisfreiheit und Recht auf freie ReligionsausübungDer Islam schützt das Recht auf freie
Entfaltung der Nichtmuslime im islamischen Staat. Dazu gehört zuallererst die
Religionsfreiheit und das Recht auf freie Religionsausübung. So steht im Quran: "Es gibt keinen Zwang im Din..."[2:255] und "Willst du etwa die Menschen
zwingen, daß sie Muminun
werden?!"[10:99] Der große klassische Qurankommentator
Ibn Kathir sagt in seinem Kommentar zum ersten der beiden oben angeführten Verse
folgendes: "Dies bedeutet: Zwingt niemanden dazu, den Islam anzunehmen, denn der
Islam ist offen klargelegt, die Hinweise und Beweise für seine Wahrheit sind klar und
deutlich. Der Islam hat es nicht nötig, daß irgend jemand gezwungen wird, ihn
anzunehmen. Es ist vielmehr so, daß jeder, den Gott zum Islam leitet, und dem Er seine
Brust weitet und seine geistige Wahrnehmenungskraft erleuchtet, den Islam aufgrund eines
Beweises annimmt. Wem hingegen Gott das Herz blind gemacht hat und Siegel vor Augen und
Ohren gelegt hat, dem nützt es auch nichts, wenn er zwangsweise den Islam annimmt." Der Islam ist kein bloßes
Lippenbekenntnis, sondern die Überzeugung des Herzens und eine Ergebenheit des Herzens
vor Gott dem Schöpfer. Es nützt einem vor Gott ohnehin nichts, wenn man ohne innerliche
Überzeugung zum Islam gezwungen wurde. Und so ist es auch leicht erklärlich,
daß es nie in der Geschichte vorkam, daß ein muslimisches Volk seine nichtmuslimischen
Bürger zum Islam zwang. Niemals gab es Zwangsbekehrungen[47].
Vielmehr schützt der Islam die freie
Religionsausübung der Nichtmuslime und deren Heiligtümer. Nach dem Quran ist es erlaubt,
einen Krieg zu führen, um das Recht auf freie Ausübung von Gottesdienst zu
gewährleisten. Im Quran heißt es: "Die Erlaubnis, sich zu verteidigen, ist denen
gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah - und Gott hat wahrlich die
Macht, ihnen zu helfen - , jenen, die schuldlos aus ihren Häusern vertrieben wurden, nur
weil sie sagten: "Unser Herr ist Gott." Und wenn Gott nicht die einen Menschen
durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiß Klausen, Kirchen, Synagogen und
Moscheen, in denen der Name Gottes oft genannt wird, niedergerissen worden. Und Gott wird
sicher dem beistehen, der Ihm beisteht. Gott ist wahrlich Allmächtig, Erhaben."
[22:39-40]
7- Recht auf freie Berufswahl und -ausübungDie Nichtmuslime dürfen genauso freie
selbständige bzw. nichtselbständige Berufe ausüben wie Muslime[48].
Dabei gibt es jedoch eine
Einschränkung, die auch für Muslime gültig ist, nämlich daß keine Verträge
abgeschlossen werden dürfen, bei denen Zinsen genommen werden. Im Islam gilt Zinsgeschäft als
schwere Sünde, da es eine Ausbeutung und ein Zugrunderichten anderer bedeutet. Einmal schrieb der Gesandte Gottes zu
den Zoroastriern von Hidschr: "Entweder ihr hört auf mit dem Zinsgeschäft
oder euch wird der Krieg von Gott und Seinem Gesandten erklärt."[49] 8- Recht auf Ausübung staatlicher ÄmterAusgenommen sind davon Ämter, bei
denen der religiöse Charakter überwiegt, wie z.B. ·
das
Kalifenamt, denn der Kalif ist der Nachfolger des Propheten; ·
Richter
zwischen Muslimen: Es wird von einem Nichtmuslim nicht verlangt, nach einem Recht zu
richten, an das er nicht glaubt; ·
Heerführer;
denn im Islam ist der Dschihad[50]
ein herausragender islamischer Gottesdienst. Hingegen kann ein Nichtmuslim sehr wohl
Soldat im muslimischen Heer sein, wie bereits erwähnt. 9- Sicherheitsgarantien bzw. Bürgschaften für die obengenannten RechteDas islamische Recht, die Scharia,
sieht all diese Rechte für die Nichtmuslime vor. Wer aber bürgt dafür, daß sie
tatsächlich umgesetzt werden? Dies ist eine berechtigte Frage, da es
viele von Menschen gemachte Gesetzgebungen gibt, die die Gleichbehandlung der Bürger
bezüglich der Rechte und Pflichten festlegen. Aber oft bleiben dies lediglich leere Worte
auf dem Papier, weil etwa Willkür oder nationale Gefühle Überhand nehmen, welche die
Gesetze nicht unter Kontrolle bringen können aus dem einfachen Grund, weil das Volk
innerlich nicht von der Unantastbarkeit und Heiligkeit dieser Gesetze überzeugt ist. So
haben wohl wahrscheinlich die wenigsten hier in Deutschland ein schlechtes Gewissen, wenn
sie bei der Steuererklärung nicht alles aufführen. Ein anderes Beispiel ist raubkopierte
Software. Der Softwarebranche wird jährlich ein Verlust in Milliardenhöhe zugefügt,
weil sehr viele Anwender einfach Computerprogramme raubkopieren, obwohl dies gesetzlich
verboten und keineswegs ein "Kavaliersdelikt" ist. Es ist lediglich schwer
nachweisbar, ob jemand raubkopierte Software auf seinem Heimcomputer laufen hat. Im islamischen Staat gibt es zwei
Bürgen, die bei Muslimen für die Einhaltung der Gesetze sorgen: 1. Die islamischen Din-Lehrsätze Nur wer sich dem Willen Gottes und
Seinen Anweisungen unterordnet und mit ihnen zufrieden ist, ist ein wirklich gottergebener
Muslim. So steht im Quran: "Und es ziemt sich nicht für einen Mumin oder eine Mumina, daß sie - wenn Gott und Sein
Gesandter eine Angelegenheit beschlossen haben - eine andere Wahl in ihrer Angelegenheit
treffen..."[33:36] Und so versucht auch jeder gute
Muslim, die islamischen Vorschriften im persönlichen wie auch im öffentlichen Bereich in
die Tat umzusetzen, gleich, ob er dabei verwandtschaftliche oder feindselige Gefühle
überwinden muß. Gott sagt im Quran: "O ihr Muminun, seid auf der Hut bei der
Wahrnehmung der Gerechtigkeit und seid Zeugen für Gott, auch dann, wenn es gegen euch
selbst oder gegen die Eltern und Verwandten geht."[4:135] An einer anderen Stelle steht im
Quran: "O ihr Muminun! Setzt euch für Gott ein und seid
Zeugen der Gerechtigkeit. Und der Haß gegen eine Gruppe soll euch nicht dazu verleiten,
anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist der Gerechtigkeit näher. Und
fürchtet Gott; wahrlich, Gott weiß sehr wohl, was ihr tut."[5:8] Dieser Punkt zeigt eines deutlich auf: Das
Funktionieren eines islamischen Staates ist stark davon abhängig, wie stark der Iman der Muslime ist, die diesen Staat führen,
und in welchem Grad sie sich an den Islam halten. Es ist also klar, daß ohne gute Muslime
ein islamischer Staat schwer vorstellbar ist.[51]
Wenn heute in vielen Staaten mit
überwiegend muslimischer Bevölkerung beispielsweise Korruption herrscht, so liegt das
meistens am fehlenden islamischen Bewußtsein der Muslime. Ebenso, wenn ein Beamter in
einem muslimischen Land eine halbe Stunde seines Achtstundentags wirklich arbeitet und den
Rest mit Kaffeetrinken und Plaudern verbringt. Das
fehlende islamische Bewußtsein ist der Hauptfaktor für die Rückständigkeit der
islamischen Welt gegenüber dem Westen. 2. Die islamische Gesellschaft Die islamische Gesellschaft ist dafür
verantwortlich und bürgt dafür, daß das islamische Recht durchgesetzt wird. Wenn jemand
vom richtigen Weg abweicht, muß es einen anderen geben, der ihn zum Guten auffordert oder
es nicht nur bei der Aufforderung beläßt, sondern durch eigenen Einsatz versucht, ihn
wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Die Rechte der Nichtmuslime sind auch
ein Teil des islamischen Rechts. Geschieht einem Nichtmuslim Unrecht von Seiten eines
Muslims, wendet er sich an den lokalen Verwalter. Passiert ihm Ungerechtigkeit von Seiten
des lokalen Verwalters, wendet er sich an den Kalifen, welcher das Staatsoberhaupt des
islamischen Staates ist. Gelangt er nicht zum Kalifen[52]
bzw. gewährt dieser ihm nicht sein Recht, so ist die islamische öffentliche Meinung, die
von den Rechtsgelehrten vertreten wird, auf seiner Seite. Die folgenden Berichte geben hierfür
Beispiele: ·
Zur
Amtszeit Umars, des zweiten Kalifen, war Amr bin al-As der Statthalter Ägyptens. Der Sohn
Amrs hatte den Sohn eines christlichen Kopten mit der Peitsche geschlagen und zu ihm
gesagt: "Ich bin der Sohn der Edleren." Der Kopte, also der Vater, ging zum
Kalifen Umar nach Medina und beschwerte sich. Daraufhin bestellte Umar seinen Statthalter
Amr und dessen Sohn zu sich, gab die Peitsche dem Sohn des Kopten in die Hand und sagte:
"Schlage den Sohn der Edleren." Als er fertig war, wandte Umar sich zu ihm und
sagte: "Peitsche nun Amr auf seine Glatze, denn er hat dich mit seiner Macht
geschlagen." Der Kopte sagte: "Ich habe denjenigen geschlagen, der mich
geschlagen hat." Daraufhin wandte sich der Kalif Umar zu Amr und sagte sein
berühmtes Wort: "O Amr, seit wann macht ihr die Menschen zu Knechten, wo doch ihre
Mütter sie als freie Menschen geboren haben?" ·
Der
folgende Bericht zeigt, wie sich der Gelehrte Imam al-Auza'i gegen den abbasidischen
Statthalter seiner Zeit stellte und die Nichtmuslime im Libanon verteidigte und in Schutz
nahm: Der Statthalter hatte eine Gruppe von Nichtmuslimen aus einem Gebiet im Libanon
vertrieben, weil ein Teil von ihnen gegen denjenigen meuterte, der die Bodensteuer
einsammelte. Dieser Statthalter war ein Verwandter des Kalifen und gehörte zu seinen
loyalen Leuten. Imam al-Auza'i schrieb daraufhin einen langen Brief an den Statthalter.
U.a. stand in dem Brief folgendes: "Wie kannst du die Allgemeinheit wegen der Sünden
Einzelner strafen, so daß sie aus ihren Häusern und von ihrem Besitz vertrieben werden?
Gott hat doch im Quran festgelegt: "...daß
keine Seele die Last einer anderen tragen soll?"[53:38], und das Wort Gottes hat
am meisten Recht, daß man bei ihm stehen bleibt und sich danach richtet. Und die
wichtigste Verfügung, die du befolgen und dir zu Herzen nehmen solltest, ist die
Verfügung des Gesandten Gottes (Gottes Segen und Heil seien auf ihm), der gesagt hat: "Wer
einen nichtmuslimischen Staatsbürger unterdrückt oder ihn über seine Kräfte hinaus
belastet, den werde ich am Tag der Auferstehung in dieser Sache in Vertretung des
Nichtmuslims anklagen."....Die nichtmuslimischen Staatsbürger sind wahrlich
keine Sklaven, so daß du dir erlauben kannst, sie von einem Ort an den anderen zu
verfrachten. Sie sind vielmehr freie Menschen und Leute, die eine Schutzgarantie
genießen."[53]
Weitere Beispiele sind in
[Qaradawi1992] nachzulesen.
3.3 Die Pflichten der Ahlu-DhimmaAls Gegenleistung für die im vorigen
Unterkapitel aufgezeigten Rechte haben die Ahlu-Dhimma auch einige Pflichten, welche man
in drei Punkten zusammenfassen kann: 1. Finanzielle
Verpflichtungen: die Dschizya, den Kharadsch, der der heutigen Grundbesitzsteuer
entspricht, sowie die Handelssteuer;[54] 2. die Verpflichtung,
sich an den Teil der islamischen Verfassung bzw. Gesetzgebung zu halten, der die
weltlichen Beziehungen regelt; 3. die Pflicht, die
islamischen Riten zu respektieren und die Gefühle der Muslime nicht zu verletzen. Die Dschizya
Die Dschizya ist eine jährlich zu
entrichtende Steuer, welche von denjenigen nichtmuslimischen Männern verlangt wird,
welche dazu in der Lage sind. Die Höhe der Dschizya ist abhängig vom Besitz. Die Armen
sind davon gänzlich befreit entsprechend der Aussage Allahs: "Allah mutet keiner Seele etwas zu, außer das,
was Er ihr gegeben hat."[65:7]. Der
Umfang der Dschizya ist nicht absolut festgelegt, sondern ist der Abwägung des
Befehlshabers überlassen, der deren Umfang entsprechend den Möglichkeiten des Dhimmi und
unter Berücksichtigung von Zeit- und Ortsumständen festlegt. Die Forderung der Dschizya geht auf
den Quran zurück. In Sure at-Tauba heißt
es: "Kämpft gegen diejenigen, die nicht Iman an Allah und an den Jüngsten Tag haben, und
die das nicht für verboten erklären, was Allah und Sein Gesandter für verboten erklärt
haben, und die nicht dem wahren Din folgen -
von denen, die die Schrift erhalten haben, bis sie eigenhändig die Dschizya in voller
Unterwerfung entrichten. [9:29]" Die Anweisung zum Kampf ist hier im
Zusammenhang mit den in Kap.2 geschilderten Umständen zu sehen. D.h. es kommt erst zum
Kampf, nachdem die Nichtmuslime, die ja durchaus auch z.B. Christen oder Juden sein
können, damit angefangen haben, gegen den Islam und die Muslime zu kämpfen. Wenn dann
die Muslime ihrerseits eine Kriegserklärung machen, so wird der Kampf natürlicherweise
erst dann aufhören, wenn sich die Nichtmuslime unterwerfen bzw. einen dauerhaften
Friedensvertrag mit den Muslimen eingehen. Dieser dauerhafte Friedensvertrag ist der
Dhimma-Vertrag, in dem die Dschizya das hervorstechendste Merkmal ist. Ergänzend sollte
erwähnt werden, daß es rechtmäßig und auch in der Geschichte vorgekommen ist[55],
daß es zu einem Friedensvertrag kommt, ohne daß dabei die Dschizya von den Nichtmuslimen
bezahlt werden muß, solange zwei Bedingungen erfüllt sind: Erstens, daß die
Nichtmuslime keinen anderen Feind der Muslime gegen die Muslime unterstützen und
zweitens, daß sie nicht versuchen, die Menschen vom Islam abzubringen.[56] Die Dschizya ist auch eine finanzielle
Gegenleistung des Dhimmi für seine Befreiung vom Militärdienst im islamischen Heer. Die
Befreiung vom Militärdienst rührt daher, daß das muslimische Heer eigentlich um des
Islam willen kämpft, und so wäre es nicht gerecht, wenn ein Nichtmuslim gezwungen wäre,
in solch einem Heer mitzukämpfen. Der Gewissenskonflikt, der sich für jemanden stellt,
der nicht an eine bestimmte Ideologie oder Religion glaubt, jedoch für sie mit
Waffengewalt eintreten muß, wird heutzutage hier in Deutschland besonders deutlich, wo es
viele Kriegsdienstverweigerer gibt. Zurück
zum islamischen Staat. Wenn ein nichtmuslimischer Staatsbürger jedoch im Heer des
islamischen Staates mitkämpfen möchte, ist es möglich, daß er von der Dschizya befreit
wird. Von diesem Aspekt aus gesehen wird es auch klar, warum die Dschizya nur von Männern
erhoben wird, die in der Lage sind, eine Waffe zu führen - nicht aber von Frauen und
Kindern. Da
jedoch auch die nichtmuslimischen Staatsbürger vom islamischen Heer vor einem
ausländischen Aggressor beschützt werden, müssen sie zumindest einen finanziellen
Beitrag zur Deckung der Verteidigungskosten beisteuern. Das ist die Dschizya.
Dieser Sinn wird im bereits in Kap.2 erwähnten Bericht von Abu Yusuf aus seinem
Buch Al-Kharadsch deutlich: "Als Abu
Ubaida, der muslimische Heeresführer im Gebiet des Asch-Scham[57],
erfuhr, daß Heraklios ein großes Heer mobilisiert hatte, um gegen die Muslime
anzutreten, schrieb er an die Verantwortlichen der von den Muslimen verwalteten Städte,
und wies sie an, dem Volk die bezahlte Dschizya wieder zurückzuerstatten. Weiterhin
schrieb er zu den Bürgern der Städte: "Wir haben euch euer Geld zurückerstattet,
weil uns die Kunde erreicht hat, daß sich ein Heer gegen uns gesammelt hat. Weil es aber
eine Bedingung des Vertrages zwischen uns und euch war, daß wir euch beschützen, wir
jetzt aber nicht in der Lage sind, dies zu tun, erstatten wir euch das zurück, was wir
von euch genommen haben. Wir verbleiben bei den Bedingungen, die zwischen uns und euch
ausgehandelt wurden, sollte uns Allah gegen die Feinde zum Sieg verhelfen"..."
Wenn also der islamische Staat nicht mehr in der Lage sein sollte, den
militärischen Schutz der nichtmuslimischen Staatsbürger zu garantieren, hat er auch kein
Recht mehr, die Dschizya zu erheben. Die Verpflichtung, sich an die Gesetzgebung des
islamischen Staates zu halten
Als Staatsbürger des islamischen
Staates haben sich auch die Nichtmuslime an die Gesetze des Staates zu halten, sofern sie
nicht ihre Religion und ihre Religionsfreiheit berühren. So brauchen sie z.B. nicht die
gottesdienstlichen Pflichten der Muslime zu erfüllen. Dazu gehören z.B. die Zakat und
der Dschihad. Die Zakat ist für die Muslime gleichzeitig eine religiöse Pflicht und eine
Steuer. Ebenso ist der Dschihad eine religiöse Pflicht wie auch ein Wehrdienst. Da den
Nichtmuslimen diese beiden Dinge nicht auferlegt sind, müssen sie als Ersatz die Dschizya
bezahlen, die eine Steuer darstellt und gleichzeitig hilft, die Verteidigungskosten zu
decken. Somit werden also die beiden weltlichen Aspekte der Zakat und des Dschihad durch
die Dschizya abgedeckt.
Auch müssen die Nichtmuslime im persönlichen wie auch im gesellschaftlichen
Bereich nicht auf das verzichten, was ihnen ihre jeweilige Religion erlaubt - selbst wenn
es für einen Muslim verboten ist. Beispiele hierfür sind Dinge, die ihre Heirats- und
Scheidungsgesetze betreffen, das Essen von Schweinefleisch und das Trinken von Alkohol. Was jedoch das islamische Recht
bezüglich Mord, Eigentum oder Verletzung der Ehre angeht, so müssen sich die
Nichtmuslime der Scharia unterordnen. Wenn also ein Dhimmi einen Diebstahl begangen hat,
so wird er so bestraft, wie das islamische Recht es für den Fall eines Diebstahls
vorsieht. Ebenso wird ein Nichtmuslim für Verbrechen wie Wegelagerei, Unzucht,
Verleumdung einer unbescholtenen Frau usw. genauso wie ein Muslim bestraft. Das
gleiche gilt für Dinge wie Handel und Verträge. Hier sind die Nichtmuslime an die
gleichen Gesetze gebunden wie die Muslime, mit einer Ausnahme: Christen dürfen nach der
Ansicht vieler Rechtsgelehrten auch mit Schweinefleisch und Alkohol handeln unter der
Bedingung, das dies nicht offen geschieht. Das Zinsnehmen ist jedoch für alle - für
Muslime wie auch für Nichtmuslime - verboten.
Die Pflicht, die Gefühle der Muslime zu respektierenDie Nichtmuslime dürfen nicht
offenkundig den Islam, den Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) und den Quran
beleidigen. Ebenso
dürfen sie aus Rücksicht auf ihre muslimischen Mitbürger im Ramadan nicht öffentlich
essen oder trinken.[58]
Allgemein kann man folgendes sagen:
Alles, was der Islam als ein Übel ansieht, was jedoch gemäß der Religion der
Nichtmuslime erlaubt ist, dürfen die Nichtmuslime, wenn sie es tun wollen, privat tun und
nicht in einer Art, die provozierend auf die große Mehrheit der Muslime wirkt. Diese
Einschränkungen der Nichtmuslime dienen dem Frieden und der Harmonie innerhalb der
Gesellschaft, die aus Muslimen und Nichtmuslimen besteht.
4 Toleranz im Islam[59]
4.1 Stufen der ToleranzWenn wir hier über Toleranz sprechen,
dann ist die Toleranz gemeint, die man gegenüber jemanden hat, der eine andere Religion
bzw. Weltanschauung hat - und zwar dann, wenn man selbst in einer starken Position
gegenüber dem anderen ist, also Macht über ihn besitzt. D.h. man ist selbst in einer
Position, in der man den anderen unterdrücken könnte, statt dessen zeigt man jedoch aus
freien Stücken heraus Toleranz. Diese
Toleranz, die man gegenüber einem Andersdenkenden haben kann, hat verschiedene Stufen. Die
unterste Stufe der Toleranz besteht darin, dem anderen die Freiheit zu geben, seine eigene
Religion bzw. Überzeugung zu haben, ohne ihm jedoch die Möglichkeit zu geben, seine
religiösen Pflichten zu erfüllen bzw. Dinge zu vermeiden, die für ihn ein religiöses
Verbot darstellen. D.h. also, daß man niemanden zwangsbekehrt in dem Sinne, daß, wenn er
sich dagegen stellen würde, er zu Folter, zum Tode oder Ähnlichem verurteilt würde, wie
das z.B. die spanischen Eroberer Andalusiens taten, welche den dort ansässigen Muslimen
und Juden nur die Wahl ließen, Christen zu werden, getötet zu werden oder zu fliehen. Eine
nächste Toleranzstufe ist die, daß man dem Andersdenkenden die Gedanken- bzw.
Religionsfreiheit zugesteht und ihm zusätzlich die Möglichkeit gibt, seine religiösen
Pflichten zu erfüllen und sich von Verboten seiner Religion fernzuhalten. Ein Beispiel
hierfür wäre, daß man einem Christen die Möglichkeit gibt, Sonntags in die Kirche zu
gehen und dem Juden am Samstag, der für ihn den Sabbat darstellt, keine Arbeit auferlegt.
Bei dieser Toleranzstufe müßte also ein nichtjüdischer Arbeitgeber seinen jüdischen
Arbeitnehmer für den Samstag freistellen, ohne daß dem jüdischen Arbeitnehmer
irgendwelche Konsequenzen, wie z.B. Entlassung, drohen würden. Die
nächste Toleranzstufe besteht darin, daß man dem Andersdenkenden das zugesteht, was nach
seiner Anschauung bzw. Religion erlaubt ist, obwohl es für einen selbst verboten ist. Ein
Beispiel hierfür wäre, wenn man in einem von Muslimen beherrschten Land einem Christen
zugesteht, Alkohol zu trinken bzw. Schweinefleisch zu essen. Für einen Christen ist es ja
keineswegs eine Pflicht, im alltäglichen Leben Alkohol zu trinken bzw. Schweinefleisch zu
essen. Als derjenige, der die Macht in der Hand hält, ist man jedoch trotzdem so
tolerant, dem anderen hier völlige Freiheit zu gewähren, obwohl es für einen Christen
eigentlich kein großes Problem wäre, auf diese Dinge zu verzichten. Entsprechend würde
diese Toleranzstufe bedeuten, daß z.B. ein Muslim in einem westlich-demokratisch
orientierten Land mehrere Frauen heiraten dürfte. Im folgenden wollen wir an diesen
Kriterien messen, wie tolerant ein islamischer Staat bzw. die islamische Gesellschaft ist.
4.2 Auf welcher Toleranzstufe steht die islamische Gesellschaft bzw. der islamische Staat?Was die unterste Toleranzstufe angeht,
so erfüllt der islamische Staat deren Kriterien, da jeder seine Religion bzw.
Geisteshaltung behalten darf gemäß der quranischen Anweisung: "Es gibt keinen Zwang im Din."[2:256] Ein Christ, Jude, Hindu,
Buddhist, Atheist oder Anhänger irgend einer anderen Religion wird also nicht gezwungen,
den Islam anzunehmen. Auch
erfüllt die islamische Gesellschaft die Kriterien der zweiten Stufe. Z.B. wird jedem
Christen gewährt, seinen Gottesdienst am Sonntag in der Kirche abzuhalten und ein Jude
wird nicht unter Druck gesetzt, wenn er am Samstag nicht arbeiten will. Vielmehr
steht die islamische Gesellschaft bzw. der islamische Staat auf der dritten und höchsten
der obengenannten Toleranzstufen. Im
islamischen Kalifat der Vergangenheit durften die Nichtmuslime all das tun, was gemäß
ihrer eigenen Religion erlaubt war. Beschränkungen hierin, wie z.B. das Zinsverbot,
wurden bereits in Kap.3 erwähnt. Die islamische Gesellschaft gab den Nichtmuslimen diese
Freiheiten, obwohl sie diese Dinge ja eigentlich hätte unterbinden können, ohne daß der
Vorwurf der Unterdrückung oder der Intoleranz laut geworden wäre. So ist es z.B. einem
Zoroastrier[60]
erlaubt, seine Mutter oder Schwester zu heiraten. Er könnte aber ebenso eine andere Frau
heiraten, ohne daß er irgendwelche religiösen Probleme bekommen würde. Ebenso könnte
ein Christ ohne das Essen von Schweinefleisch ganz gut leben. Ebenso verhält es sich mit
dem Alkohol. Wenn
also der Islam zu den Dhimmis gesagt hätte: "Ihr dürft keine nahen Verwandten wie
Mutter oder Schwester heiraten, keinen Alkohol trinken und kein Schweinefleisch essen,
damit ihr nicht die Gefühle eurer muslimischen Brüder und Schwestern verletzt", so
hätten sie damit keine religiösen Probleme. Trotzdem
hat der Islam dies nicht gesagt und er will nicht , daß sich die Nichtmuslime in dem
einschränken, was ihrer Religion gemäß erlaubt ist. Vielmehr sagt der Islam zu den
Muslimen: "Laßt die Nichtmuslime bezüglich ihrer Lebensweise in Ruhe!"[61] Zusammengefaßt läßt sich sagen,
daß der Islam auf der höchsten der obengenannten Toleranzstufen steht und daß es im
islamischen Staat bzw. in der islamischen Gesellschaft nicht um eine Integration im Sinne
einer Anpassung der Minderheit an die Mehrheit geht. Vielmehr geht es im islamischen Staat
um ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen, also in diesem
Sinne um eine echte multikulturelle Gesellschaft. Der Islam ist dabei die Schutzmacht,
weil der Islam die einzige Religion ist, die die Freiheit Andersgläubiger gewährleistet.
Die Nichtmuslime genießen also im islamischen Staat in einem hohen Grad Rechtsautonomie.[62] Auch die Geschichte Europas zeigt dies
auf: Es ist bekannt, daß es in Europa in der Vergangenheit nur zweimal wirklich
multikulturelle Gesellschaften gab im muslimisch regierten Spanien bzw. Andalusien
800 Jahre hindurch und später 500 Jahre lang auf dem Balkan unter der Herrschaft der
muslimischen Osmanen. In diesen 500 Jahren behielten Serben und Griechen sowohl ihre
Kultur, ihre Religion und als auch ihre Sprache. Als die Juden zusammen mit den Muslimen
aus Spanien vertrieben wurden, flohen die Juden auf die andere Seite Europas auf
den muslimisch regierten Balkan - und andere muslimische Gebiete. Auch ins heutige
Tunesien, daß damals zum osmanischen Reich gehörte, wanderten Juden nach ihrer
Vertreibung aus Europa ein. Sie begründeteten dort Universitäten und Synagogen. Auf
einer dortigen vorgelagerten Insel befindet sich noch heute ein wichtiges jüdisches
Kulturzentrum. Es
ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die multikulturelle, tolerante Gesellschaft in
Andalusien, in der die Wissenschaft blühte, der Auslöser für die europäische
Aufklärung und Renaissance war. Denn über Andalusien erfolgte ein großer Teil des
Wissenschaftstranfers[63]
aus dem islamischen Reich nach Europa. Und die Wissenschaftler schließlich waren es, die
in Europa den Kampf gegen die Kirche des dunklen Mittelalters aufnahmen und schließlich
auch gewannen, so daß anstelle der kirchlichen Unterdrückung Freiheit treten konnte. In den muslimischen Ländern
entfernten sich indes im Laufe der folgenden Jahrhunderte die Menschen und deren
Regierungen im allgemeinen immer mehr vom richtigen Verständnis und der richtigen
Umsetzung des Islam, was schließlich zum Untergang des nach islamischem Recht geführten
Kalifats zu Anfang dieses Jahrhunderts führte. Und trat an Stelle der Freiheit und
wissenschaftlichen Hochkultur des weitgehend nach islamischen Prinzipien geführten
Mittelalters der muslimischen Länder die Unterdrückung und Rückständigkeit der
modernen muslimischen Welt, wo außer im privaten Bereich bis auf wenige Ausnahmen kaum
noch nach islamischen Prinzipien gehandelt wird. Diesem Verfall steuert heute die
islamische Bewegung in den muslimischen Ländern entgegen, welche für eine Rückkehr zu
den islamischen Prinzipien eintritt eine Rückkehr zu islamischen Prinzipien, die
im muslimischen Mittelalter umgesetzt wurden nicht eine Rückkehr zu einem dunklen,
von einer Kirche dominierten Mittelalter. Eine Kirche gibt es im Islam nicht.[64] In den folgenden beiden Abschnitten
werden die geistigen Grundlagen im Islam und bei den Muslimen dargestellt, die zu der
toleranten Einstellung gegenüber Andersdenkenden bzw. Andersgläubigen führen.
4.3 Der Geist der Toleranz bei den MuslimenEs gibt etwas in der Verhaltensweise
von Muslimen gegenüber Nichtmuslimen, das man schlecht in Form von Gesetzesverordnungen
und Anweisungen fassen kann - man könnte es
als den "Geist der Toleranz" bezeichnen, der sich bemerkbar macht in Form von
gutem und freundlichem Umgang, der Pflege einer guten Nachbarschaft und einem Verhalten
gegenüber dem anderen, welches durch Barmherzigkeit und Güte geprägt ist. Dies sind
Dinge, die im alltäglichen Leben gebraucht werden, um ein harmonisches Zusammenleben zu
gewährleisten. Heutzutage
kann man ein solches Zusammenleben noch in vielen Gegenden der islamischen Welt finden, in
denen der Islam und dessen Werte für die Menschen im alltäglichen Leben eine zentrale
Rolle spielen. Im Gegensatz zur westlichen Welt, in der sich häufig die Nachbarn in einem
Haus nicht einmal kennen. Die Folgen einer solchen sozialen Unterkühlung, Isolierung und
Wertelosigkeit, die typisch für die von Materialismus und Individualismus geprägte
westliche Gesellschaft sind, kann man leicht an den hohen Selbstmordraten in der Schweiz
und Schweden sehen, obwohl den Bürgern in diesen beiden Ländern vom Staat aus wohl der
höchste materielle Lebensstandard gewährt wird. Aber auch hier in Deutschland leben
viele Menschen in sozialer Isolation, wobei dann oft ein Hund oder das Fernsehen das
Bedürfnis nach Kontakt befriedigen soll. Dies, obwohl der Großteil der Gesellschaft im
Grunde die gleiche ideologische Einstellung hat. Die meisten sind christlicher Abstammung
und glauben an die westliche Demokratie.
In einer islamischen Gesellschaft gilt dagegen der Grundsatz, daß alle Mitglieder
der Gesellschaft, gleich welcher Religion, in Güte, gegenseitiger Hilfe und Harmonie
zusammenleben. Im folgenden werden einige anschauliche Beispiele aus der Geschichte
gegeben. Vor allem der Prophet (Allahs Segen
und Heil auf ihm) zeigte den Muslimen durch seine Verhaltensweise gegenüber Juden,
Christen und Muschrikun, wie tolerant man zu
Andersgläubigen sein soll. So pflegte er sie zu besuchen, ihnen Güte zu erweisen, Kranke
zu besuchen, von ihnen etwas zu leihen und ihnen etwas zu geben. Ibn
Ishaq erwähnt in seiner Prophetenbiographie, daß eine christliche Gesandtschaft aus
Nadschran zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Heil auf ihm) nach Medina kam. Sie traten
nach der Zeit des muslimischen Nachmittagsgebets in die Moschee zum Propheten ein. Es war
gerade ihre Gebetszeit, und so standen sie auf, um in der Moschee das christliche Gebet zu
verrichten. Einige der Muslime wollten sie daran hindern. Der Gesandte Allahs (Allahs
Segen und Heil auf ihm) sagte jedoch: "Laßt sie". Da wandten sich die Christen
gen Osten und fingen an zu beten. Ibn
al-Qayyim geht auf diese Begebenheit in seinem Buch "Die
Rechtleitung des Propheten"[65]
ein, und folgert bezüglich des islamischen Rechts (Fiqh) daraus: "Es ist erlaubt,
daß die Ahlul-kitab[66]
muslimische Moscheen betreten...und es darf den Ahlul-kitab
möglich gemacht werden, ihr Gebet in Anwesenheit der Muslime zu verrichten - auch in
muslimischen Moscheen, für den Fall, daß gerade die Gebetszeit der Ahlul-kitab gekommen ist. Ihnen darf jedoch nicht
die Möglichkeit gegeben werden, dies regelmäßig zu tun." Buchari
berichtet, daß der Prophet einen Krankenbesuch bei einem Juden machte. Er schlug ihm vor,
den Islam anzunehmen, worauf der Jude Muslim wurde. Dann ging er hinaus, wobei er sagte: "Dank sei
Allah, der ihn durch mich vor dem Feuer errettet hat." Ebenso schlug sich diese Toleranz im
Benehmen der Prophetengefährten und der Tabi'un[67]
gegenüber Nichtmuslimen wieder. Hier einige Beispiele: - So gab Umar die Anweisung, einem
Juden und dessen Familie ein dauerhaftes Gehalt aus der muslimischen Staatskasse zu
gewähren. Daraufhin sagte er: Allah hat gesagt: "Die Zakat ist für die Armen und
Bedürftigen...[9:6]", und dies ist einer der Armen der Ahlul-kitab.
Umar wurde schließlich von einem Mann der Ahlu-Dhimma[68]
namens Abu Lulua niedergestochen und starb kurze Zeit später an den Verletzungen. Auf dem
Totenbett jedoch legte Umar dem nachfolgenden Kalifen die Ahlu-Dhimma ans Herz, und
empfahl ihm, dem Vertrag mit ihnen nachzukommen, sie mit Waffengewalt zu schützen und sie
nicht über ihre Kräfte zu belasten. - Abdullah ibn Amr trug seinem
Dienstjungen auf, seinem jüdischen Nachbarn etwas von dem geschlachteten Fleisch
abzugeben. Er wiederholte dies so oft, bis der Dienstjunge sich wunderte und ihn nach dem
Geheimnis dieser Fürsorge für den jüdischen Nachbarn
fragte. Da sagte Abdullah ibn Amr: Der Prophet (Allahs Segen und Heil auf
ihm) hat gesagt: "(Der Engel) Gabriel hat mir so oft den Nachbarn
ans Herz gelegt, bis ich dachte, er würde mir noch übermitteln, daß ein Nachbar seinen
Nachbarn beerben sollte". [69] - Als Umm al-Harith Abu Rabia als
Christin starb, folgten die Gefährten des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Heil auf
ihm) ihrem Leichenzug. - Einige der bedeutenden Tabi'un[70]
gaben einen Teil der Sadaqatul-Fitr[71]
christlichen Mönchen. - Qadi 'Iyad erwähnt in seinem Buch
"Tartib al-Madarik" folgendes: "Daraqotni berichtete, daß zum
Qadi[72]
Ismail bin Ishaq[73]
ein christlicher Minister, 'Ubaidun bin Sa'id, eintrat. Dieser war ein Wesir unter dem
abbasidischen Khalifen al-Mu'tadid-billah. Der Qadi stand extra für ihn auf und
begrüßte ihn. Da sah er, wie die Anwesenden dies mißbilligten. Als der Wesir
hinausgegangen war, sagte Qadi Ismail: "Ich habe eure Mißbilligung mitbekommen.
Allah hat jedoch gesagt: "Allah verbietet
euch nicht, gegen jene, die euch nicht wegen des Din
bekämpfen und euch nicht aus euren Häusern vertreiben, gütig[74]
zu sein und redlich mit ihnen zu verfahren; wahrlich, Allah liebt die Gerechten."
[60:8] Dieser Mann erledigt die Angelegenheiten der Muslime und ist ein Botschafter
zwischen uns und dem Khalifen al-Mu'tadid...und dieses Verhalten von mir gehört zur
Rechtschaffenheit[75]. - Schahabuddin al-Qarafi[76]
erklärt die Güte[77],
die ein Muslim einem Dhimmi erweisen soll: "...Es dem Schwachen von ihnen
leicht machen, die Bedürfnisse der Armen unter ihnen zu befriedigen, den Hunger des
Hungrigen unter ihnen stillen, denjenigen unter ihnen, der keine Kleider hat, bekleiden,
auf schöne Weise mit ihnen sprechen - aufgrund von Freundlichkeit und Barmherzigkeit
ihnen gegenüber, nicht aus Angst oder Unterwürfigkeit -, eventuelle Schlechtigkeiten
durch ihre Nachbarschaft aushalten, obwohl man dieses Übel beseitigen könnte - aus
Freundlichkeit von uns ihnen gegenüber und nicht aus Furcht vor ihnen oder der Hoffnung,
von ihnen etwas zu bekommen. Ebenfalls gehört dazu, für sie um Rechtleitung zu beten,
und dafür, daß sie zu den Glücklichen gehören mögen, ebenso, daß man ihnen in all
ihren Angelegenheiten - was ihre Religion und was ihre irdischen Angelegenheiten
anbetrifft - einen aufrichtigen Ratschlag gibt, außerdem, sie in ihrer Abwesenheit zu
verteidigen, wenn jemand ihnen bezüglich Geld, Familie, Ehre, ihrer geschützten Rechte
usw. etwas antun will oder etwas zu ihrem Nachteil unternehmen will. Außerdem soll man
ihnen helfen, eine Unterdrückung ihnen gegenüber abzuwehren und zu allen ihren Rechten
zu gelangen....".
4.4 Die religiöse Grundlage für die Toleranz im IslamIm folgenden werden die wichtigsten
Aspekte aufgeführt, die zum Din eines Muslim
gehören und in diesem Zusammenhang entscheidend sind: 1. Die feste
Überzeugung des Muslims, daß jeder Mensch eine Würde hat, die Menschenwürde -
unabhängig von Religion, Geschlecht oder Hautfarbe. Ein praktisches Beispiel für diese
Einstellung ist eine Begebenheit, die Buchari überliefert hat: "Ein Leichenzug kam am Propheten
(Allahs Segen und Heil seien mit ihm) vorbei. Da stand er um des Leichenzugs willen auf.
Da wurde ihm gesagt: "O Gesandter Allahs, dies ist Leichenzug eines Juden",
worauf er sagte: "Ist es denn nicht eine Menschenseele?!"
" 2- Es gehört zum Iman eines jeden Muslims, daß die unterschiedliche
Religionszugehörigkeit der Menschen von Gott gewollt ist. Der Muslim weiß, daß Allah dem
Menschen - im Gegensatz zu anderen Geschöpfen - die völlige Freiheit gegeben hat, sich
für oder gegen die Annahme des Islam zu entscheiden. So steht im Quran: "..also wer will, soll Mumin werden, und wer will, soll Kufr begehen..."[18:29] An einer anderen Stelle des Quran
heißt es: "Und wenn dein Herr wollte,
bestimmt hätte Er die Menschen zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht, jedoch hören sie
nicht auf, uneinig zu sein."[11:117] Der Muslim weiß, daß in allen
Entscheidungen Gottes eine Weisheit steckt, und er denkt niemals daran, die Menschen zu
zwingen, Muslime zu werden. Denn im Quran steht: "Und
wenn dein Herr es gewollt hätte, so wären allesamt auf der Erde Muminun. Willst du etwa die Menschen
zwingen, Muminun zu werden?"[10:99] 3- Weder
der Muslim als Einzelner noch der islamische Staat hat die Aufgabe, die Kafirun für ihren Kufr zur Rechenschaft zu ziehen und die Irregegangenen
für ihr Irregehen zu bestrafen. Der Muslim hat weder die Befugnis
dazu, noch liegt der Zeitpunkt für die Bestrafung dafür in diesem Leben. Der Termin für
die Bestrafung des Kafir für seine Weigerung,
den Islam anzunehmen, liegt im Jenseits, und Gott ist es, der ihn bestraft. Und
so hat der Muslim keine Gewissensprobleme damit, daß er einerseits dazu aufgefordert ist,
gütig und gerecht zu einem Kafir zu sein,
obwohl dieser dem Weg Gottes und Seiner Religion nicht folgt, und ihn anderseits in diesem
Zustand des Kufr beläßt. Alles, was der
Muslim tun soll bezüglich des Din ist es, den
Islam dem Nichtmuslim richtig zu erklären und diesem dann die Entscheidung zu
überlassen, ob er den Islam annehmen will oder nicht. 4- Der Muslim ist davon überzeugt, daß
Gott zur Gerechtigkeit aufruft und diese liebt, und daß Er das gute Benehmen bei Seinen
Geschöpfen liebt - selbst gegenüber Muschrikun,
und daß Er Ungerechtigkeit und Unterdrückung haßt und die Ungerechten und Unterdrücker
bestraft, selbst wenn der Unterdrücker ein Muslim ist und der Unterdrückte ein Kafir. So steht im Quran: O ihr Muminun!
Setzt euch für Allah ein und seid Zeugen der Gerechtigkeit. Der Haß gegenüber einer
Gruppe soll euch nicht dazu verleiten, anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, das
ist näher der Gottesfurcht. Fürchtet Allah; wahrlich, Allah ist eures Tuns kundig.[5:8] Der
Gesandte Allahs (Allahs Segen und Heil auf ihm) hat gesagt: "Zwischen
dem Bittgebet eines Unterdrückten - und auch wenn es ein Kafir sein sollte - und Allah gibt es keinen
Schleier."[78] TEIL III: Muslime als Minderheit
gestern und
heute
5 Muslime als MinderheitIn diesem Kapitel werden zunächst
Tatsachen über die momentanen Verhältnisse der muslimischen Minderheiten dargestellt.
Danach werden die Muslime auf den Philippinen, in China und in Gabun als Beispiele für
muslimische Minderheiten vorgestellt. 5.1 Einige wichtige Tatsachen über muslimische MinderheitenDer Inhalt des vorliegenden
Unterkapitels ist zum großen Teil [Qaradawi92] entnommen: 1. Zusammengezählt
bilden muslimische Minderheiten etwa 1/4 oder mehr der Gesamtzahl der Muslime auf der
Welt. Dies geht aus einer Studie hervor, die an der Islamischen
Imam-Muhammad-bin-Saud-Universität in Riad/Saudi-Arabien[79],
durchgeführt wurde. 2. Einige muslimische
Völker werden zu den muslimischen Minderheiten gezählt, obwohl sie in Wirklichkeit gar
keine Minderheiten sind. Sie gehören zum muslimischen Kerngebiet. Es handelt sich hierbei
um muslimische Völker, die von einem großen fremden Staatsgebilde eingenommen wurden, um
in ihm aufzugehen. Oft sind sie ihrer religiösen Freiheit beraubt, um sich allmählich
von ihrer Religion zu lösen. Beispiele hierfür sind die Muslime in der Provinz Xingjiang
in China oder auf der Insel Mindanao der Philippinen. 3. In einigen
muslimischen Gebieten führen die Muslime Krieg gegen einen Staat, der ihr Land besetzt
hat. Oft werden diese Befreiungskämpfe fälschlicherweise als
"Separationsbestrebungen der dortigen Muslime" oder ähnlich bezeichnet. Dies
ist deshalb eine falsche Bezeichnung, da die betreffenden Gebiete früher in muslimischer
Hand gewesen sind. Später sind sie von fremden Mächten besetzt worden, und seitdem
führen die Muslime einen Befreiungskampf. Beispiele hierfür sind Kaschmir und
Palästina. All diesen Auseinandersetzungen sind wohl mehrere Dinge gemeinsam: ·
Das Mittel
der Feinde der Muslime ist oft grausame Massaker an der muslimischen Zivilbevölkerung
oder deren kollektive Unterdrückung und Mißhandlung. Die mit Benzin überschütteten und
angezündeten Kinder in Tschetschenien[80],
die Massaker von Sabra und Schatila in Beirut, das Massaker von Deir Yassin[81]
in Palästina (April 1948) und das regelrechte Abschlachten eines großen Teils der
bosnischen muslimischen Bevölkerung und der Muslime aus dem Kosovo sind
verabscheuens-würdige Beispiele hierfür. ·
Die Feinde
der Muslime versuchen durch eine aggressive Siedlungspolitik die Muslime aus ihrem Land zu
verdrängen. Beispiele hierfür sind die von der Regierung gesteuerten Massenansiedlungen
von Nichtmuslimen in den muslimischen Gebieten im Süden der Philippinen, die Ansiedlungen
von Russen in den südlichen muslimischen Regionen der ehemaligen Sowjetunion und die
menschenverachtende und rassistische Siedlungs-politik des zionistischen Regimes in
Palästina. 4. In einigen
offiziellen Bevölkerungsstatistiken werden absichtlich geringe Bevölkerungsanteile der
Muslime für bestimmte Regionen angegeben.[82]
Diese Verfälschungen der Statistiken haben politische Gründe. So spricht man z.B. den
Muslimen Rechte ab, die ihnen eigentlich zustehen.
5.2 Die Geschichte von muslimischen Minderheiten in einigen LändernIm Rahmen dieser Abhandlung können
aus Platzgründen nicht alle muslimischen Minderheiten ausführlich vorgestellt werden. Beispielhaft wird die Geschichte der
Muslime auf den Philippinen, in China und dem zentralafrikanischen Land Gabun behandelt.
Es wurde vorgezogen, die Geschichte von drei muslimischen Minderheiten ausführlicher
darzustellen, als etwa kurze Beschreibungen vieler muslimische Minderheiten zu liefern.
Einerseits sind die Probleme und Fragestellungen der muslimischen Minderheiten in den
verschiedenen Ländern ähnlich. Zum anderen entsteht durch eine ausführliche
Beschreibung, welche sich nicht nur auf die Aufzählung geschichtlicher Daten beschränkt,
eher ein Gesamteindruck über das Leben der Muslime in den betreffenden Ländern.
5.2.1 Die Muslime auf den PhilippinenAbb. 5.1 Die philippinischen Inseln Der erste Teil der nun folgenden
Darstellung der Geschichte der philippinischen Muslime ist größtenteils eine
Zusammenfassung von [Mohammad84][83]: Bereits im 9. oder 10. Jahrhundert gab
es Handelskontakte zwischen Arabien und den Philippinen. Jedoch wird das Jahr 1450 n. Chr.
von den philippinischen Geschichtsbüchern als das Jahr erwähnt, in dem der Islam auf den
Philippinen durch die beiden Da'is Sharif Kabungsuan und Raja Bagyinda bekannt gemacht
wurde. Diese beiden Da'is kamen aus Johore/Malaysia herüber auf die Philippinen. Sie
landeten auf der süd-westlich gelegenen Inselgruppe Sulu und in Zamboanga, und brachten
den Islam in ein Land, welches zuvor von Dschahiliyya[84]
gekennzeichnet war. Die damaligen Einwohner der Philippinen waren alle Muschrikun. Sie hatten keine zentrale Regierung,
welche die Inseln der heutigen Philippinen unter eine zentrale Autorität stellte. Später
kam Abu-Bakr, ein in Arabien geborener Da'i, nach Sulu, wo er nach dem Tod Bagyindas die
Regierungsführung als Sultan von Sulu annahm. Er verbreitete die Lehren des Quran, baute
Moscheen und lud die Menschen zum Islam ein. Er organisierte den Staat, reformierte die
Gesetze, veröffentlichte den ersten Gesetzescode, setzte ein Gerichtssystem ein und
vereinigte die Sulu-Inselgruppe zu einer Nation. Der Islam brachte einschneidende
Veränderungen für die Gruppe derjenigen Philippiner mit sich, die ihn annahmen. So wurde
der alte heidnische Geist durch die neuen islamischen Wertvorstellungen verdrängt. Die
arabische Schrift wurde für die schriftliche Niederlegung der lokalen Sprachen
eingeführt. Die malaysische Sprache wurde zur Rechtssprache. Die Muslime auf den
Philippinen entwickelten das Bewußtsein, zu einer großen Gemeinschaft zu gehören,
welche sich von Marokko am Atlantischen Ozean bis zu den malayischen Inseln in
Süd-Ostasien erstreckte. Die muslimische Herrschaft gelangte zu
beachtlichem Ansehen und Macht. Ihr Einfluß machte sich auf allen philippinischen Inseln
und auch darüber hinaus bemerkbar. Ihre Handelsbeziehungen erstreckten sich von China und
Japan bis nach Sumatra und Java. Als die Spanier auf die Philippinen kamen, fanden sie von
Manila bis nach Mindanao das islamische Recht vor. Die späteren Kämpfe mit den Spaniern
drängten den Islam in den Süden zurück. Wirklich bemerkenswert ist die
Tatsache, daß der Islam, die Religion des Friedens[85],
auf den Philippinen durch nur drei Da'is eingeführt wurde, die den Islam in Mindanao und
der Sulu-Inselgruppe innerhalb einer kurzen Zeitspanne ohne Blutvergießen fest
verwurzelten. Die christlichen Spanier hingegen benötigten Tausende von Soldaten mit
überlegenen Waffen und eine Zeitspanne von über dreieinhalb Jahrhunderten, um das
Christentum auf den Inseln Visayas und Luzon zu etablieren. Ein christlicher Chronist beschrieb
die frühen Muslime folgendermaßen: "Die frühen mohammedanischen
Missionare waren eine standhafte Menge. Sie kamen ohne Schiffe, ohne Armeen und ohne eine
Regierung, die ihnen den Rücken stützte. Man muß sie zu jenen aufrichtigsten
Religionsanhängern zählen, die je eine religiöse Überzeugung hervorgebracht hat. Sie
strebten nach nichts anderem, als die Ungläubigen zu ihrer Religion zu bekehren. Sie
wollten kein Gold. Ebenso war nicht das Erschließen von Handelsrouten ihr Ziel[86].
Die Priester Mohammads gehörten zu den freundlichsten[87]
und friedvollsten Verbreitern von Zivilisation, die die Menschheitsgeschichte je gekannt
hat. Ihre Religion riß nicht nieder und zerstörte, wie es die Religion der frühen
Christen tat. Die Priester von Mohammad brachten Kultur, Schrift und Wissenschaften und
fügten sie zu der Kultur hinzu, die sie in ihren neuen Ländern vorfanden. Sie waren
keine Zerstörer, sondern zufrieden damit, die alte Kultur zu verbessern." Als die Spanier in der Mitte des 16.
Jahrhunderts auf die Philippinen kamen, waren die dortigen Muslime eine blühende, starke
und gutorganisierte Gemeinschaft. Die Spanier eroberten die Philippinen
mit dem Ziel, das Land zu kolonialisieren und zu christianisieren. "Gott, Ruhm und
Gold" waren drei Hauptziele der spanischen Kolonialpolitik. Sie benannten die Inseln
nach ihrem König Philip. Daher kommt der Name "Philippinen". Sie brachten das
gesamte Land unter eine Autorität und waren bei der Christianisierung der Heiden
erfolgreich. Bei den Muslimen trafen sie jedoch auf harten Widerstand. Kreuzfahrerkriege
brachen zwischen Spaniern und Muslimen aus, wobei die Spanier von den christianisierten
Philippinern unterstützt wurden. Die Spanier hatten die Muslime in
Nordafrika gesehen, wo sie auf die mutigen Moros trafen. Da sie die
philippinischen Muslime genauso leben und beten sahen wie die nordafrikanischen Muslime,
begannen sie die philippinischen Muslime "Moros" zu nennen. In den nächsten 350
Jahren gab es nur wenig Frieden zwischen den Spaniern und den "Moros". Langsam aber stetig wurden die
"Moros" aus den nördlichen Gebieten vertrieben, bis sie schließlich auf einige
wenige südliche Gebiete gedrängt wurden. Die Muslime verteidigten energisch das
Sulu-Archipel und die Mindanao Inseln, welche ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete waren.
Mit großer Tapferkeit kämpfend hielten sie die folgenden dreieinhalb Jahrhunderte stand.
Dreihundert Jahre fortwährender Krieg
mit den Spaniern machten die philippinischen Muslime außerordentlich mutig und standhaft.
Anstrengungen, sie zwangszubekehren, verstärkten nur ihre Liebe zum Islam. Der spanisch-amerikanische Krieg von
1898 erwies sich als eine Wohltat für die philippinischen Muslime, denn der Krieg in Kuba
hatte sowohl Auswirkungen auf Puerto Rico wie auch auf die Philippinen, und so wurden die
Spanier aus beiden Ländern vertrieben. In der Folgezeit befanden sich die
Philippinen unter amerikanischer Herrschaft, wobei den Muslimen in den Provinzen von
Mindanao und Sulu nach anfänglichen Schwierigkeiten eine partielle Souveränität
zugestanden wurde. Diesen Status behielten die
philippinischen Muslime bis Juli 1946, als die Philippinen unabhängig wurden. Die
Unabhängigkeit rief unter den philippinischen Muslimen eine große Besorgnis hervor, da
sehr viele von ihnen befürchteten, daß ihre nichtmuslimischen Mitbürger nun versuchen
würden, ihnen ihre religiösen, wirtschaftlichen und andere Rechte zu nehmen. Die
philippinische Republik wurde als säkularer Staat mit strikter Trennung zwischen Kirche
und Staat festgelegt mit einer Verfassung, die allen Bürgern Religionsfreiheit zuschrieb. Mahmud Schakir erwähnt in [Schakir1],
daß im Jahre 1981 die Gesamtbevölkerung der Philippinen 55 Mio. Menschen betrug.[88]
Die Muslime machten davon etwa 11% aus, d.h. ca. 6 Mio. Menschen. Hier kann man übrigens die großen
Differenzen in den Statistiken sehen, die wie in 5.1 erwähnt, möglicherweise auf
absichtliche Fälschungen zurückgehen: Eine amerikanische Statistik[89]
von 1983 besagt, daß die philippinischen Muslime einen Bevölkerungsanteil von nur 5,6 %
auf den Philippinen stellen. Etwa 5 Mio. Nichtmuslime leben auf den
vier südlichen Inseln Mindanao, Sulu, Basilan und Palawan. Diese Gebiete waren einst fast
ausschließlich von Muslimen bewohnt. In der letzten Zeit förderte die Regierung jedoch
Wellen von christlichen Siedlern mit dem Einwand, man wolle nach Verschwörungen von
Banditen fahnden. Diese christlichen Siedler ließen sich auf den reichen Ländereien des
Südens nieder und so wurden die Gebiete von Zanao del Sur, Zanao del Norte, Catabato,
Zamboanga, Sulu, Davao und Tawi Tawi zum großen Teil christlich, obwohl diese Gebiete
früher gänzlich islamische Provinzen waren. Die Muslime auf den Philippinen sind
eine bunte Gesellschaft - so gibt es z.B. Unterschiede in den politischen Anschauungen,
aber auch wirtschaftliche Unterschiede. Diese Ungleichheit der philippinischen Muslime
wurde zu jeder Zeit von der Regierung ausgenutzt. Jedoch ist der Islam der Hauptfaktor,
der die Muslime zusammenhält. Zohra S. Mohammad berichtet[90]: "In den Jahren 1962-63 war ich
ein Jahr lang auf der philippinischen Universität als wissenschaftlicher Forscher und
besuchte die muslimischen Gebiete. Ich fand vor, daß die Muslime bezüglich der
Ausbildung sehr im Hintertreffen waren. Während es 24 Universitäten auf den Philippinen
gibt, ist lediglich eine davon in der muslimischen Provinz Lanao. 1955 wurde eine
islamische Schule mit Namen Kamilol Islam Institut in Marawi City errichtet. Die Schule
wurde unter der Führung zweier Dai's von der Al-Azhar-Universität[91]
aufgebaut. Marawi City ist das Zentrum islamischer Kultur und Zivilisation auf den
Philippinen... ... Da die Muslime bezüglich der
Ausbildung sehr zurücklagen, schaffte es die Baumwollindustrie nicht, ein Existenzminimum
anzubieten: Der Reichtum des Bodens war zwar ein großer Vorteil, er konnte jedoch
aufgrund von Handicaps wie das Fehlen von Kapital, unzureichender Kommunikation und
unzureichendes landwirtschaftliches Fachwissen nicht zur Geltung kommen. ... Die philippinischen Muslime waren
gefangen in der Falle religiöser Unwissenheit. Es gab zwar Moscheen und viele Muslime,
vor allem Hadschis[92],
die in den Moscheen beteten...Das Fasten wurde von den Hadschis und von einigen anderen
gottesfürchtigen Muslimen einge-halten....Eine beachtliche Anzahl von muslimischen
Philippinern war bereits nach Mekka gereist, um die Hadsch zu vollziehen...Was der Islam
jedoch wirklich ist, davon hatten sie jedoch nur eine sehr schwache Vorstellung. Als Folge dieser Unwissenheit wurden
die islamischen Wurzeln auf den Philippinen in solchem Maße geschwächt, daß die
muslimischen Führer sich sehr große Sorgen machten. Die jüngere Generation war dabei,
sich von der Religion und dem richtigen Verständnis des Islam zu entfernen, jedoch waren
sie eifrig bestrebt zu lernen, und baten deshalb alle ausländischen Besucher inständig,
ihnen Bücher über den Islam und Da'is zu schicken, um ihre Religion besser verstehen zu
können. Viele Gelehrte von der Al-Azhar-Universität waren dort tätig, jedoch war dies
wenig im Verhältnis zu dem, was wirklich benötigt wurde. Es gab eine Organisation mit
Namen "Muslimische Gesellschaft der Philippinen", welche die Ziele hatte,
Einigkeit und die islamische Bildung unter den Muslimen auf den Philippinen zu fördern. ... All dies ist ein Zeugnis dafür, daß
sie gute Muslime sein wollten, und daß sie trotz ihrer Unwissenheit und Unbildung von dem
islamischen Grundsatz überzeugt waren, daß alle Muslime Brüder sind. Sie besaßen ein
starkes islamisches Gemeinschaftsgefühl. Es war dieses Gemeinschaftsgefühl, welches sie
veranlaßte, sich um einen muslimischen Besucher aus Übersee zu versammeln .... Deshalb ist der Islam auf den
Philippinen eine vereinigte Gemeinschaft...So werden wohl zukünftig die Muslime auf den
Philippinen ihre Identität aufrechterhalten. ... Die muslimischen Philippiner hinken
bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung weit hinter ihren christlichen Mitbürgern her ..." Soweit der Bericht von Zohra S.
Mohammad. Der Inhalt des folgenden,
abschließenden Teils der Darstellung der philipinischen
Muslime ist im wesentlichen dem letzten Kapitel "Der jüngste Aufstand der
Muslime" aus [Schakir1] entnommen: Es wurde bereits erwähnt, daß die
Regierung in großem Maße Christen in den südlichen muslimischen Gebieten ansiedeln
ließ. Diese Ansiedlungen von Christen liefen folgendermaßen ab: Der Boden, welcher den
Muslimen gehörte, war nicht staatlich auf den Namen der betreffenden muslimischen
Besitzer angemeldet. Darüberhinaus wurde von Seiten des Staates den Muslimen eine
derartige Einschreibung ihres Bodens verweigert. Als die Christen nun aus dem Norden auf
diesem staatlich nicht eingetragenen Land siedelten, wurde das Land einfach auf ihren
Namen eingetragen.[93]
Im Zuge dieser christlichen
Siedlungswellen gab es Terrorakte gegen die Muslime. So wurden Menschen und Tiere getötet
und Ländereien verwüstet. Als Folge dieser Terrorakte waren mehr als 60 000 muslimische
Familien in den Wäldern auf der Flucht, wo sie zusätzlich zu Hunger und Kälte der
Gefahr des Getötetwerdens ausgesetzt waren. Diese Terrorakte gegen die Muslime geschahen
mit Duldung und Unterstützung der Regierung. Hier seien nur zwei Beispiele aus dieser
Zeit des staatlich unterstützten Terrors genannt: ·
Einmal
wurden von Seiten der Regierungsgewalt im Gebiet Kotabato aus jeder muslimischen Familie
ein junger Mann ausgewählt mit dem Vorwand, man wolle sie trainieren. Man errichtete für
sie eine Kaserne, und als man die jungen Männer versammelt hatte, begann die Regierung
damit, sie zu liquidieren. Es waren 169 junge Männer, von denen nur einer entkam: Als er
die Gefahr verspürte, flüchtete er. ·
Im Jahr
1971 versammelte die Regierung einige Muslime in einer Moschee mit dem Vorwand, man wolle
eine Friedenskonferenz zwischen Muslimen und Christen abhalten und die
Bodenangelegenheiten bereinigen. Während die Muslime in der Moschee warteten, betrat eine
bewaffnete Gruppe von Christen die Moschee und begann, das Feuer auf die Muslime zu
eröffnen. Das Ergebnis waren 70 getötete und 50 verletzte Muslime. Angesichts dieser Umstände versuchten
die Muslime, sich zu verteidigen und begannen, sich mit Stöcken und alten Gewehren aus
dem zweiten Weltkrieg zu bewaffnen. Daraufhin beschuldigte die Regierung die Muslime
ungesetzlicher Akte. Sie wurden von Seiten eines Generals mit kollektiver Liquidierung
bedroht, sollten sie sich nicht innerhalb einer Woche ergeben. Daraufhin begann der geschlossene
muslimische Widerstand, indem die muslimischen Führer die islamische Einheit zum Motto
erhoben. Es sammelten sich eine große Zahl von jungen muslimischen Männern und mit ihnen
eine Anzahl von Führern und forderten eine Abtrennung der muslimischen Gebiete Mindanao,
Sulu und Balawan vom philippinischen Staat, um die Muslime vor Massakern zu schützen, die
bereits begonnen hatten, wie oben erwähnt wurde. Sie forderten die islamische Welt und
die Vereinten Nationen auf, sie zu beschützen. Die Regierung griff daraufhin die
Muslime mit Panzern und Flugzeugen an - der philippinische Präsident Marcos wollte eine
Internationalisierung der Angelegenheit verhindern, indem er versuchte, den Muslimen einen
endgültigen vernichtenden Schlag zu versetzen. Trotz der gewaltigen militärischen
Überlegenheit schaffte er es nicht. Im Gegenteil - die Mudschahidun[94]
schossen sogar ein Flugzeug ab und zerstörten einen Panzer. Danach brach offiziell der Krieg aus.
Auf einer Konferenz in Jeddah/Saudi-Arabien sagte einer der muslimischen philippinischen
Führer: "Seit dem ersten Viertel des 16.Jahrhunderts haben unsere Leute den
größeren Teil ihres Lebens im Krieg verbracht, um sich gegen die Unterdrückung und
Tyrannei von Seiten der Kolonialmacht zur Wehr zu setzen. Und die heutige Generation
unseres Volkes ist vorbereitet, die gleiche historische Leistung zu vollbringen, um
weiterhin ihr Überleben in Würde und Freiheit zu garantieren."
5.2.2 Die Muslime in ChinaAbb. 5.2 China Der Inhalt dieses Unterkapitels ist
größtenteils [Schakir2] und [Schakir3] entnommen. China ist mit einer Einwohnerzahl von
mehr als einer Milliarde das bevölkerungsreichste Land der Erde. Die Angaben darüber,
wieviele Muslime in China leben, differieren sehr stark. Mahmud Schakir sagt, daß etwa
10% der Einwohner Chinas Muslime sind. Das wären etwa 100 Millionen Menschen. Francoise
Aubin sagt in [Aubin91]: ..Obwohl die exakte Anzahl der chinesischen Muslime immer
ein hitzige Streitfrage gewesen ist, können wir annehmen, eine Zahl von 15-20 Mio.
Muslimen in der republikanischen Phase[95]
als vorsichtige Schätzung annehmen. Diese Zahl von Aubin widerspricht sich nicht
unbedingt mit der Angabe von Mahmud Schakir, denn es ist durchaus realistisch, daß sich
in ca. 60-70 Jahren die muslimische Bevölkerungszahl verfünffacht hat: In einem Atlas
von 1966[96]
wird die Anzahl der Muslime auf der Welt mit 366 Mio. angegeben. Stimmt diese Zahl auch
nur annähernd, so hat sich seither, also innerhalb von ca. 30 Jahren, die Zahl der
Muslime auf der Welt mehr als verdoppelt, da es heutzutage ca. 1 Milliarde Muslime auf der
Welt gibt. Somit ist eine Verfünffachung der Anzahl der Muslime in China im doppelten
Zeitraum durchaus realistisch. Aubin sagt weiter, daß in China
gemäß der letzten Volkszählung die offizielle Zahl der Muslime mehr als 7
Millionen im Jahr 1982 und etwa 9 Millionen in den späten achtziger Jahren betrug[97]. Diese offizielle Zahl ist allerdings
nur etwa ein Zehntel der Angabe von Mahmud Schakir. In [Schakir3] ist eine
Bevölkerungsstatiskik der einzelnen Provinzen der heutigen VR China angegeben. Gemäß
dieser Statistik sind die drei nordwestlichen Provinzen Xingjang (Ostturkestan), Ningxia
und Gansu die Provinzen, die überwiegend muslimisch sind. Im einzelnen werden folgende
Angaben gemacht: 1. Ostturkestan
(Xingjang): 11,305 Mio. Muslime von insgesamt 11,9 Mio. Einwohnern; Anteil der Muslime: 95
% 2. Gansu:
14,378 Mio. Muslime von insgesamt 18,2 Mio. Einwohnern; Anteil der Muslime: 79 % 3. Ningxia:
2,1 Mio. Muslime von insgesamt 2,8 Mio. Einwohnern; Anteil der Muslime: 75 % Als Summe der muslimischen
Bevölkerungszahlen der einzelnen Provinzen ergibt sich eine Gesamtzahl von 96.020.620
Muslimen in China, d.h. also fast 100 Mio. Der Islam ist auf drei Wegen nach
China gekommen: 1. Auf dem Weg des
militärischen Dschihad, wie er im zweiten Kapitel beschrieben wurde. Dies ist der Fall
bei Ostturkestan, das im Westen der heutigen Volksrepublik China gelegen ist, und auf
chinesisch Xingjiang genannt wird. Obwohl Ostturkestan und die umliegenden Gebiete
eigentlich zum muslimischen Kerngebiet zählen, wird seine Geschichte hier auch
betrachtet. Zum einen, weil dieses Gebiet, welches nördlich von Tibet liegt, und etwa
fünfmal so groß wie Deutschland ist, momentan unter chinesischer Herrschaft ist, und zum
anderen, weil die Muslime dort so leben, als wären sie eine Minderheit. 2. Durch umherreisende
Da'is. Auf diese Weise ist der Islam nach Zentralchina gekommen - vor allem in die
Gebiete, die in der Richtung Ostturkestans liegen. 3. Durch Seefahrer, die
Handel trieben und zum Islam einluden. So ist der Islam an die Küstengebiete Chinas
gekommen.
Abb. 5.3 Die Provinzen Chinas Abb. 5.4 Nordwestchina mit
Ostturkestan (Xinjiang)
Im folgenden werden diese drei Wege
der Ausbreitung des Islam näher betrachtet: Die Ausbreitung der Einladung zum Islam im Westen Chinas unter dem Schutz des islamischen HeeresEs ist immer beschwerlich für
jemanden, in einer ihm fremden Umgebung zu leben. So fällt es z.B. einem Skandinavier auf
die Dauer schwer, in Afrika zu leben. Ebenso fürchtet sich jemand, eine mehrere Jahre
andauernde Reise zu See zu unternehmen, wenn er gewohnt ist, an Land zu leben. Diese
Ängste und dieses Unwohlsein nehmen jedoch ab, wenn man eine starke Motivation hat, ein
höheres Ziel zu erreichen, bei dem man diese Schwierigkeiten überwinden muß. Die
stärkste Motivation, die es jemals gab, ist die eines Muslim, der nach dem Wohlgefallen
Allahs strebt, der versucht, sich vor dem Höllenfeuer zu retten und sich das Paradies zu
erarbeiten. Er ist bereit, sein eigenes, irdisches und beschränktes Leben und seine
irdische Bequemlichkeit aufzuopfern, um dafür einen ewigen Platz im Paradies zu bekommen.
Eine solche Motivation hat die Geschichte bei den ersten Muslimen erlebt - sie zogen aus
ihrer gewohnten von ihnen geliebten Umgebung der arabischen Halbinsel aus, um die
Einladung zum Islam nach Ost und West zu tragen - "um die Menschen aus der Enge des
irdischen Lebens zur Weite des Diesseits und Jenseits zu führen" und "um die
Menschen aus der Knechtschaft der Menschen zu befreien und hinzuführen zur Anbetung des
Herrn aller Menschen". Nur mit solch einer Motivation ist die Bereitschaft der
frühen Muslime zu erklären, fortwährende Strapazen auf sich zu nehmen, um den Menschen
das Licht des Islam anzubieten. Man stelle sich einmal vor, was es bedeutet, eine riesige
Gebirgskette zu überqueren - eine Gebirgskette, die eine natürliche Grenze zwischen
China und seinen westlichen und südlichen Nachbarn bildet. Qutaiba ibn Muslim al-Bahali öffnete
mit dem muslimischen Heer Ostturkestan für den Islam und betrat 96 n.H. (ca. 715 n.Chr.)
die Stadt Kashghar[98].
Qutaiba schickte eine Gesandtschaft zum chinesischen Kaiser mit Habira ibn al-Schamrakh
al-Kalabi an der Spitze. Während der Unterredung mit der muslimischen Gesandtschaft sagte
der chinesische Kaiser zu ihnen: "Sagt zu Qutaiba, er soll sich verziehen, denn ich
weiß sehr wohl von seiner Habgier und auch, daß er nur wenige Leute hat. Sollte er dies
nicht tun, dann werde ich Soldaten gegen ihn schicken, die ihn und seine Leute vernichten
werden." Daraufhin antwortete Habira: "Wie soll er denn nur wenige Leute haben,
wenn die Spitze[99]
seines Heeres in deinem Land ist und das Ende des Heeres dort ist, wo die Oliven wachsen[100]?
Und wie soll denn jemand habgierig sein, der die weltlichen Verlockungen hinter sich
gelassen hat, obwohl er imstande wäre, sie sich zu holen, und stattdessen gegen dich in
den Krieg zieht? Und was das anbetrifft, daß du versuchst, uns Angst zu machen, indem du
uns drohst, uns zu töten, so liegen die Verhältnisse so, daß wir bestimmte
Lebensfristen haben. Wenn schließlich der Zeitpunkt unseres Todes gekommen ist, und
dieser Zeitpunkt damit beehrt wird, daß wir getötet werden, so ist uns dieses
Getötetwerden weder zuwider noch fürchten wir es." Die Muslime jedoch bekämpften nicht
den chinesichen Kaiser. Es gab innere Probleme im islamischen Staat. Und so kam auch die
Ausbreitung der Einladung zum Islam mit Hilfe des muslimischen Heeres zum Stillstand,
nachdem der Islam sich bis einschließlich Ostturkestan ausgebreitet hatte.
Ostturkestan gehörte in der Folgezeit zum islamischen Staat, bis schließlich
irdische Interessen bei den Muslimen offenbar Überhand gewannen und die Muslime auf diese
Weise schwach wurden. Dies ermutigte China, gegen Ostturkestan in den Kampf zu ziehen. Die
Chinesen schafften es auch tatsächlich, im Laufe der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
n. Chr. in Ostturkestan einzubrechen und es einzunehmen; und Ostturkestan bekam den Namen
"Xingjiang". "Xingjiang" bedeutet "die neue Provinz". Danach
gab es immer wieder Kämpfe und Aufstände gegen die chinesiche Kolonialmacht, wobei
zwischenzeitlich wieder eine muslimische Herrschaft errichtet wurde. Die Muslime waren zum Teil auch
untereinander uneinig. Es ist ein Beispiel für das unzureichende Islamverständnis vieler
Muslime überall in der islamischen Welt, daß es einmal in Ostturkestan wegen dem Streit
um verschiedene Quranlesearten zum Kampf unter den Muslimen kam. Diese Unruhen unter den
Muslimen nutzte der chinesische Staat 1781 n.Chr. aus, um gegen die Muslime vorzurücken.
So wurden die Muslime in der Ortschaft Lantsu umzingelt, und viele von ihnen wurden
getötet. Einer der letzten Aufstände, der
Aufstand von 1350 n.H. (1931 n.Chr.), welcher fünf Jahre andauerte, endete damit, daß
China diesen mit der Hilfe Rußlands niederschlug und so die Muslime wieder unterwarf.
Ebenso wie China Ostturkestan an sich riß, so wurde der westliche Teil Turkestans von
Rußland unterworfen. Diese Aufteilung in "Russisch-Turkistan" und
"Chinesisch-Turkistan" ist jedoch für das Volk bedeutungslos: die Menschen aus
beiden Teilen Turkestans fühlen sich als Muslime eines einzigen Volkes, obwohl der
letztere Aspekt, nämlich der der gemeinsamen Volkszugehörigkeit nicht so wichtig ist. Die Ausbreitung des Islam durch Da'is und Händler bzw. handeltreibende SeefahrerDie Ausbreitung der Einladung zum
Islam in großem Maße kam aus den oben erwähnten Gründen zum Erliegen. Obwohl das
muslimische Heer nun nicht mehr die Ausbreitung der Botschaft schützte, erlosch in den
Herzen der Muminun jedoch nicht der
Wille, die Einladung zum Islam zu verbreiten. So wurden viele zu Da'is, die auf dem Weg
Allahs zum Islam einluden. Sie strebten nach der reichen Belohnung im Jenseits für ihren
Einsatz, die Menschen auf den richtigen Weg zu führen. Denn der Gesandte Allahs (Allahs
Segen und Heil auf ihm) hatte gesagt: "Wenn Allah durch dich nur einen einzigen Mann
rechtleitet, dann ist das besser für dich als wenn du rote Kamele[101]
hättest."[102]
Von Ostturkestan aus begannen Muslime,
als Händler und Da'is in das Kernland Chinas zu ziehen, so daß es schließlich große
Ansammlungen von nicht einheimischen Muslimen in manchen Städten gab. Andere wählten den Weg des
Seehandels, um auf diesem Wege Gelegenheit zu haben, die Einladung zum Islam zu
verbreiten. Sie gelangten so u.a. nach Kanton, einem der wichtigsten Häfen Südchinas.
Kanton liegt in der Nähe des heutigen Hongkongs. Sie hatten Umgang mit Einwohnern dieser
Gebiete. Die dortigen Einwohner gewannen die Muslime schnell lieb. Sie nahmen an ihnen
einen Charakter wahr, an den sie nicht gewöhnt waren. Die muslimischen Händler waren
eine Art von Händler, die sie bisher nicht kannten. So nahmen einige von ihnen den Islam
aus Liebe zu den muslimischen Händlern an, und so breitete sich der Islam auf diesem Wege
ebenfalls aus. Der schöne Charakter, der gute Umgang mit anderen Menschen und die
Ehrlichkeit waren die besonderen Merkmale, die die damaligen Muslime kennzeichneten. Da die dortigen muslimischen Händler
in einem Land mit nichtmuslimischer Gesellschaft wohnten, waren sie aufs äußerste
erfreut, wenn ein Muslim vorbei kam und sie besuchte. Sie sagten dann: "Er kommt aus
dem Land des Islam." Ebenso genossen die muslimischen
Händler ein großes Vertrauen bei der Bevölkerung. Die finanzielle Situation der
muslimischen Händler verbesserte sich, und man konnte sie alsbald zu den Reichen zählen.
Die Chinesen jedoch hatten eine hohe Bevölkerungszahl, so daß viele Chinesen nicht vom
Ertrag ihrer Arbeit leben konnten. Außerdem gab es immer wieder Katastrophen. So waren
viele von ihnen gezwungen, ihre Kinder zu verkaufen. Die Muslime kauften diese Kinder,
zogen sie islamisch auf und behandelten sie wie ihre eigenen Kinder. Dies, obwohl es zu
dieser Zeit sehr verbreitet war, Menschen, die man gekauft hatte, als Sklaven zu halten. In diesen Tagen meinten die Herrscher
Chinas, daß die Muslime in den westlichen Gebieten schwach geworden seien, und daß ihre
Kampfkraft aufgrund der inneren Streitigkeiten im islamischen Staat erloschen sei. Es war
die Zeit, als das Kalifat von den Omayaden zu den Abbasiden überging. So zog ein
chinesisches Heer im Jahre 134 n.H. (751 n.Chr.) gen Westen. Doch die Muslime waren
schnell kampfbereit, besiegten dieses Heer und vertrieben es aus Turkestan. So verloren
sich die Hoffnungen Chinas, die Muslime zu besiegen, und sie überzeugten sich, daß das
muslimische Volk sehr wohl bereit ist, auf dem Wege Allahs zu kämpfen, selbst wenn sich
deren Herrscher in Streitigkeiten verlieren - und daß das muslimische Volk nichts anderes
als die islamische Gesetzgebung will, selbst wenn die Herrscher entsprechend ihren
Neigungen und nicht entsprechend den Regeln des Islam das Volk zu regieren versuchen. Nach dieser Niederlage war die
Position des chinesichen Kaisers, der Su Tsung hieß, geschwächt, woraufhin sich die
Tataren gegen ihn im Jahre 140 n.H. (756 n.Chr.) erhoben. Su Tsung erbat daraufhin
Unterstützung von Abu Dscha'far al-Mansur[103],
worauf dieser eine Einheit von 4000 Soldaten schickte, welche die Revolution beendete und
den chinesischen Kaiser wieder in seiner Autorität festigte. Man mag sich vielleicht
fragen, warum die Muslime eine solche Hilfestellung leisteten. Es besteht wohl kein
Zweifel daran, daß es besser für die Muslime ist, ein Nachbarland zu haben, dessen
Regierung in Freundschaft und Dankbarkeit dem islamischen Staat verbunden ist, so daß es
sich nicht entgegenstellt, wenn die Muslime in ihrem Land zum Islam einladen. Ein solches
Verhältnis ist viel besser als eine Situation, in der eine neue Regierung an die Macht
kommt, die möglicherweise das Volk aus Fanatismus zum Kampf gegen die Muslime aufwiegelt.
Der Islam ist die natürliche Religion des Menschen. Und so ist es auch leicht zu
erklären, warum sich der Islam so schnell und leicht ausbreitet, wenn nicht eine Macht
vorhanden ist, die die Menschen entweder davon abhält, den Islam anzunehmen oder sich in
den Weg stellt, so daß die Einladung zum Islam die Menschen erst gar nicht richtig
erreichen kann. Die meisten Soldaten dieser
muslimischen Einheit ließen sich in China nieder und heirateten chinesische Frauen. Die
muslimischen Soldaten machten ihre Religion bekannt und viele Chinesen nahmen daraufhin
den Islam an. Die Muslime vermehrten sich stärker als die Chinesen und so wurden die
Muslime mancherorts zu einer Kraft mit öffentlichem Gewicht. Diese starke Vergrößerung
der Zahl der Muslime veranlaßte die fanatischen Kräfte unter den Muschrikun, gegen die Muslime vorzugehen.
Schließlich begann einer dieser Extremisten damit, die Muslime zu bekämpfen. In der
Folge wurden etwa 100 000 Muslime getötet. Dies geschah im Jahre 266 n.H. (879 n.Chr.). Während der mongolischen
Herrschaftsperiode über China regierte ein Muslim über die Provinz Yunnan. Er war
bekannt unter dem Namen Sayyid al-Adschal und übte eine gerechte Herrschaft aus. Unter
seiner Herrschaft breitete sich in dieser Provinz der Islam aus. Sayyid al-Adschal starb
im Jahre 678 n.H. (1279 n.Chr.), seine Familie und seine Enkel behielten jedoch bis ins
20. Jahrhundert hohe Positionen aufgrund des Verdienstes von Sayyid al-Adschal gegenüber
dieser Region und der Hochachtung des Volkes ihm gegenüber. Nach Dschingis Khan übernahm sein
Sohn Awghtai Khan die Herrschaft über die Mongolen. Jedoch starb er plötzlich im Jahre
640 n.H.(1242 n.Chr.), worauf es zu einem Streit um die Herrschaftsnachfolge kam.
Schließlich bestieg Mango Khan den Thron und setzte seinen Bruder Kublai Khan als
Herrscher über China ein. So begann im Jahre 675 n.H. (ca. 1276 n.Chr.) die mongolische
Herrschaftsperiode, die bis 769 n.H. (ca. 1368 n.Chr.) andauerte. Mango Khan beauftragte
seinen zweiten Bruder Holako damit, militärisch gegen den Westen Asiens zu ziehen. Holako
wurde ein offenkundiger Feind des Islam. Kublai Khan beschäftigte in Yunnan
eine Anzahl von Muslimen als Arbeiter, weil er von der Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit
der Muslime bei der Arbeit wußte. Aufgrund dieser Ernsthaftigkeit waren die muslimischen
Produkte besser als die entsprechenden Produkte von anderen. Diese muslimischen Arbeiter
blieben später in Yunnan und ließen sich dort nieder - auch ermutigten sie andere
Muslime, ebenfalls nach Yunnan auszuwandern.
Abb. 5.5 Südwestchina Schließlich nahmen die Uguren den
Islam an. Die Uguren sind der Stamm, aus dem Dschingis Khan stammte. Sie bewohnten die
Provinz Gansu. Als die Uguren den Islam annahmen, nahmen auch sämtliche Bewohner der
nördlichen und westlichen Teile des Reiches von Dschghtai[104]
den Islam an. So kam es, daß auch die Mongolen Muslime wurden. Nun bemühten sie sich um
die Ausbreitung ihrer neuen Religion. China war damals in neun Teile geteilt. Jedes dieser
Gebiete wurde von einem Khan regiert. Diese Khane regierten in Vertretung des Großkhans.
Der Großkhan war der mongolische Herrscher. Die Chinesen schafften es im Jahre 769 n.H.
(1368 n.Chr.), die Mongolen zu vertreiben. Während dieser Vertreibung wurden viele
Mongolen von den Chinesen getötet. Trotzdem breitete sich der Islam weiter unter den
Einwohnern Chinas aus. Ein Faktor, der dies erleichterte, war wohl der, daß die Muslime
nicht die konfuzianische Lehre angriffen. Indem sie dies unterließen, vermieden sie einen
direkten Konflikt mit den Anhängern der konfuzianischen Lehre, die den überwiegenden
Teil der Bevölkerung Chinas bildeten. Es ist oft so, daß Menschen, wenn man ihre
gewohnten Prinzipien scharf angreift, sie ihre Prinzipien aus Stolz fanatisch verteidigen,
obwohl diese Prinzipien bzw. Überzeugungen nicht richtig sind. Sie selbst würden auch
die Falschheit dieser Prinzipien erkennen, wenn sie mit beruhigtem Gemüt etwas nachdenken
würden. Die Einladung zum Islam setzte sich
während der Mangh-Dynastie (770-1052 n.H. (ca. 1396-1642 n.Chr.)) fort. Unter der
Herrschaft der Mandschuren-Dynastie (1054-1329 n.H. bzw. 1644-1911 n.Chr.) waren die
Muslime jedoch Verfolgungen ausgesetzt. Dieser Herrschaftsclan fügte den Muslimen großes
Leid zu: er nahm die Besitztümer und die Gelder der Muslime an sich und schändete die
Ehre und die Unantastbarkeiten der Muslime. Dies führte dazu, daß sich die Muslime an
vielen Orten gegen diese Unterdrückung erhoben. Als es die Herrscher jedoch nicht
schafften, die Muslime mit Gewalt zu unterwerfen - denn der Din läßt sich nicht mit dem Schwert besiegen -
gingen sie dazu über, Zwietracht unter den Muslimen zu säen und Lügen zu verbreiten.
Auf diese Art und Weise schafften sie es schließlich, die Muslime sehr zu schwächen. Die Muslime in der Republik China (1911-1949 n.Chr.)Weil die Muslime unter der Herrschaft
der Mandschuren unterdrückt wurden, unterstützten sie das Entstehen der Republik. Die
Republik entstand zu einer Zeit, als in China Chaos und Unruhen herrschten. Diese Republik
bestand von 1911-1949 n.Chr., bevor 1949 die Kommunisten an die Macht kamen. Die Republik
entstand - nach Aussage derjenigen, die sich für sie einsetzten - auf der Basis der
gemeinsamen Heimat, der Demokratie und der Gleichheit. Die Muslime waren eine der fünf
Volksgruppen, die - nach Meinung der Republikaner - das chinesische Volk bildeten.
Folgende fünf Volksgruppen wurden gezählt: 1. Chinesen 2. Mandschuren 3. Mongolen 4. Muslime (Hui) 5. Tibeter Aus diesem Grund bestand die
chinesische Fahne aus fünf Farben: rot, grün, gelb, weiß und schwarz. Die weiße Farbe
stand für die Muslime. In der Zeit der Republik beruhigte
sich die Lage in China mit Ausnahme Ostturkestans. Einige islamische Organisationen
entstanden in dieser Zeit. Das Ziel dieser Organisationen war es, die Muslime auszubilden
und zu betreuen. Die kommunistische Herrschaft seit 1369 n.H. (1949 n.Chr.)Als die Kommunisten im Jahre 1369 n.H.
(1949 n.Chr.) die Macht übernahmen, zog die bisherige Regierung nach Taiwan, um und mit
ihr eine Anzahl von Muslimen. Zu Anfang täuschten die Kommunisten
Toleranz gegenüber der Religion vor. Dies diente dazu, ihre Position zu festigen und die
Muslime dazu zu bringen, nur im Interesse der Partei zu handeln. Gäste aus dem Ausland
sollten nur Positives über sie berichten. Außerdem wollten sie im Namen des Islam
Bücher nach ihren Wünschen drucken. Um das alles zu erreichen, gründeten sie eine
Organisation mit dem Namen "Islamische Volksgesellschaft". Zu dieser
Gesellschaft gehörte auch der Herrscher Ostturkestans (Xinjiangs). Diese Gesellschaft
gründete eine Anzahl von Lehr- und Sozialzentren, die den Namen des Islam trugen. Sie
brachte Bücher über den Islam aus der Sichtweise des Kommunismus heraus und druckte eine
Quranausgabe mit Kommentar. Der Kommentar gab die Meinung der Parteifunktionäre über den
Islam wieder. Es wurden nur ausgewählte Menschen zur Pilgerfahrt nach Mekka geschickt,
nicht diejenigen, die es selbst wünschten. Die erste dieser Reisegruppen fuhr im Jahre
1375 n.H. (ca. 1956 n.Chr.), also 6 Jahre nach der kommunistischen Machtübernahme, nach
Mekka. Im selben Jahr wurde das "Islamische Institut Peking" gegründet, welches
die Zeitschrift "Die Muslime in China" herausbrachte. Dieses Institut brachte
auch Filme über das Leben der Muslime heraus und sandte diese in die islamische Welt, um
für den Kommunismus zu werben. Schließlich verfestigten sich die
Wurzeln des Kommunismus, und auf einmal war es mit der anfänglichen Toleranz zu Ende. Die
Lage der Muslime änderte sich radikal. Es begann damit, daß das Eigentum der islamischen
Stiftungen konfisziert wurde. Daraufhin protestierten einige Muslime. Die Kommunisten
reagierten mit einer Wirtschaftsblockade über die Stadt "Khotan" in
Ostturkestan, der 10 000 Muslime zum Opfer fielen. Die Muslime weigerten sich, ihre
Mädchen an Orte zu schicken, wo sie ein Leben mit Vermischung der Geschlechter -
entsprechend der Lehre des Kommunismus - führen sollten. Daraufhin wurden 3500 Muslime in
der Stadt "Kashghar" in Turkestan im Jahre 1377 n.H. (ca. 1958 n.Chr.)
vernichtet. Das islamische Institut in Peking wurde 1379 n.H. (ca. 1959 n.Chr.)
geschlossen. Ab 1384 n.H. (ca. 1964 n.Chr.) wurden auch die gemeinsamen Pilgerfahrten nach
Mekka verboten. Die Kommunisten verweigerten die Entsendung von Studenten zur islamischen
Universität "Al-Azhar" in Ägypten. Das letzte Mal waren 1357 n.H. (ca. 1938
n.Chr.), also noch vor der kommunistischen Machtübernahme, Muslime zum Studium zur
"Al-Azhar" entsendet worden. Die Muslime wurden in kleine Gebiete
zusammengedrängt, in sog. "Autonomiegebiete". Dann wurde damit begonnen, ganze
Familien aus Provinzen mit großem muslimischen Bevölkerungsanteil wie Ostturkestan und
Gansu in buddhistische Gebiete umzusiedeln. Buddhistische Familien wurden dafür in die
früheren muslimischen Gebiete umgesiedelt... Dies alles provozierte Aufstände und
den Widerstand einzelner Personen, aber alles wurde radikal niedergeschlagen. Die Lage
verschlimmerte sich mit der "Kulturrevolution" von 1386 n.H. (ca. 1966 n.Chr.),
als viele Moscheen geschlossen und viele oppositionelle Gruppen vernichtet wurden. Diese
Revolution vernichtete die historischen Spuren - u.a. islamische Gebäude usw. -, die der
Islam in China hinterlassen hatte. Es wurde sogar das zerstört, was in der ersten Phase
der "Toleranz" der kommunistischen Herrschaft aufgebaut wurde. Alle diejenigen,
die dem Islam angehörten - sogar diejenigen, die nicht religiös waren - spürten, daß
die "Kulturrevolution" vor allem bezweckte, den Muslimen und alles, was mit
ihnen in Verbindung stand, einen Schlag zu versetzen. Nach dem Tod von Mao Tse Tung, der
Symbolfigur des chinesischen Kommunismus, änderte sich die Lage nur scheinbar für die
Muslime. Äußerlich ähnelte sie wieder der "Toleranzphase", wie sie zu Beginn
der kommunistischen Herrschaft war. In Wirklichkeit gab es jedoch keine Freiheit, und dies
alles diente nur dazu, dem Ausland etwas vorzuspielen. Tatsächlich gibt es in China keine
Freiheit.
5.2.3 Die Muslime in Gabun[105]Abb. 5.6 Gabun Gabun
umfaßt eine Fläche von 267 667 km² und ist damit etwa so groß wie Westdeutschland. Das
Land liegt am Äquator an der Westküste Afrikas. Von den mehr als 1,1 Mio. Einwohnern
sind etwa 45% Muslime. Die EinwohnerIm Norden leben die Fangh-Stämme und
im Süden die Bantu-Stämme. Außerdem gibt es noch einige Menschen, die immer noch in den
Wäldern leben. Desweiteren gibt es die Bongo-Stämme, aus denen der Präsident der
Republik stammt, der im Jahre 1393 n.H. (ca. 1973 n.Chr.) zum Islam übertrat. Als er
Muslim wurde, trat auch seine gesamte Familie zum Islam über und ebenso eine ganze Anzahl
von Verantwortlichen und Mitgliedern seines Stammes. Der Anteil der christlichen
Bevölkerung beträgt etwa 35% der Gesamtbevölkerung. Dreiviertel davon sind Katholiken
und ein Viertel Protestanten. 2% der Landesbevölkerung sind Muschrikun. Die offizielle Landessprache ist
Französisch; jeder Stamm hat jedoch seine eigene Sprache. Die Hauptstadt Gabuns ist Libreville
und liegt an der Küste. Wie der Islam nach Gabun gekommen istDer Islam gelangte nach Gabun während
der Herrschaftsperiode der Murabitun, welche in Nordafrika regierten. Der Befehlshaber der
Muminun, Jusuf ibn Taschfin, der damalige
Herrscher der Murabitun, sandte im Jahre 493 n.H. (ca. 1100 n.Chr.) einen Da'i namens
Maulai Muhammad in das Gebiet von Gabun, um die Menschen zum Islam einzuladen. Während
der Herrschaftperiode der Murabitun und der darauffolgenden Herrschaftsperiode der
Muwahidun wurden immer wieder Da'is entsandt, und auf diese Art und Weise fuhren die
Herrscher der Muslime im Norden Afrikas damit fort, in diese Regionen Menschen zu senden,
die zum Islam einluden. Es wurden Moscheen errichtet. Die spätere Schwäche der Muslime
ermöglichte es jedoch ihren Feinden, die Küsten unter ihre Herrschaft zu bringen. Sie
begannen dort, Sklavenhandel zu treiben, und transportierten vom Gebiet des heutigen
Libreville mehr als ein halbe Million in Eisenketten gelegte Sklaven nach Amerika.
Unterdessen nahm die Entsendung von Da'is immer mehr ab, bis sie schließlich völlig
aufhörte. Die Kolonialisierung der RegionIm 10. Jahrhundert n.H. (ca. 15.
Jahrhundert n.Chr.) kamen die Europäer nach Gabun. Einer ihrer Vorreiter war ein
Portugiese, der die Basis für den Sklavenhandel in dieser Region aufbaute. Er gründete
ein Zentrum für den Sklavenhandel am Ort des heutigen Libreville. Von dort aus wurden
viele Sklaven nach Amerika verfrachtet, und so waren die Portugiesen die Vorreiter dieser
Politik in dieser Region. Daraufhin landeten die Franzosen mit
ihren Truppen an diesem Küstenstreifen. Sie kaufen dort ein Gebiet und kolonisierten es
im Jahre 1255 n.H. (ca. 1839 n.Chr.). Zehn Jahre später errichteten sie ein
Sklavenhandelszentrum in der Nähe der Küste. Sie drangen in das Landesinnere vor, wo sie
die - wie sie behaupteten - christliche Zivilisation verbreiteten, indem sie Menschen
entführten, in Ketten legten, mit ihnen Handel trieben und sie zum Arbeiten per Schiff
nach Amerika transportierten. Später wurde Gabun ein Teil eines
noch größeren Gebietes, das "Französisch-Zentralafrika" genannt wurde, bis es
schließlich im Jahre 1380 n.H. (1960 n.Chr.) unabhängig wurde. In den Tagen der französischen
Kolonialherrschaft wurden viele katholische und auch protestantische Missionare nach Gabun
geschickt. Sie hatten völlige Freiheit im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung sowie
alle finanziellen Mittel, die sie benötigten. Während einer Missionarstätigkeit von
über einem Jahrhundert schafften sie es, einen Teil der Muschrikun für sich zu gewinnen und zu
christianisieren. Obwohl keinerlei islamische
Unterstüztung aus dem Ausland kommt, findet der Islam viel mehr als das Christentum den
Weg zu den Herzen der Menschen. Es wurde bereits erwähnt, daß der seit Ende der
sechziger Jahre amtierende und 1993 mit 51 % gewählte Präsident der Republik - Albert
Bernard Bongo -, im Jahre 1393 n.H. (ca. 1973 n.Chr.) den Islam annahm. Der Präsident
nahm den Namen Omar an, zum Zeichen, daß er sich völlig von seiner nichtmuslimischen
Vergangenheit löste. Mit den Erdölfunden verbesserte sich
die wirtschaftliche Lage Gabuns, und es kamen Gastarbeiter aus Nigeria, die ihren Anteil
an dem Aufschwung des Landes und der Ausbreitung des Islam hatten. Moscheen begannen in
den Städten und Dörfern zu entstehen und mit ihnen Schulen, in denen der Islam gelehrt
wird. Gabun ist außerdem Mitglied der
Organisation erdölexportierender Länder OPEC. In der momentan schwachen Lage der
Umma[106]
gab es in der jüngeren Vergangenheit keine Delegationen aus dem muslimischen Ausland,
welche sich über die Verhältnisse der Muslime in Gabun informierten. Aus diesem Grund
konnte - und kann immer noch - von gewissen Seiten aus behauptet werden, daß es nur sehr
wenige Muslime in Gabun gäbe und daß ihr Anteil kaum 1% der Gesamtbevölkerung ausmache.[107]
6 Muslime im WestenIm 20. Jahrhundert erlebt die
Menschheit etwas ganz neues: Die Erde ist aufgrund der globalen Vernetzung im Grunde zu
einem kleinen Dorf geworden. Dadurch bedingt ist es viel einfacher für Menschen aus einem
Teil der Erde geworden, kurz- oder langfristig in einen anderen Teil der Erde zu reisen,
um dort zu arbeiten, zu studieren oder auch nur, um Urlaub zu machen. Inzwischen ist es
kein ungewöhnliches Bild mehr, etwa einen europäischen Touristen in Ägypten oder einen
Coca Cola trinkenden amerikanischen Angestellten in Saudi-Arabien zu sehen. In diesem Zuge
des globalen Zusammenwachsens der Weltgemeinschaft sind auch in größerer Zahl Muslime in
den Westen gekommen. Einerseits bildet dieses moderne
Phänomen eine große Chance für die Menscheit, sich näher kennenzulernen und zu einer
einzigen großen Gemeinschaft zu werden die Gemeinschaft der Kinder Adams: "O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und
Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf daß ihr einander
kennenlernen möget. Wahrlich, vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der
Gottesfürchtigste ist."[49:13] Andererseits entstehen durch diese
globale Bewegungsfreiheit auch einige Schwierigkeiten: Menschen finden sich auf einmal in
einem für sie ungewohnten Umfeld wieder. Besonders dann wird dies zu einer ernst
zunehmenden Angelegenheit, wenn diese Menschen nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft
in eine für sie fremde Umgebung übersiedeln. Wollen sie ihre bisherige Lebensweise
weiter beibehalten, so wird ihnen dies wohl schwerer fallen als in ihrem bisherigen
Heimatland. Sind die Differenzen zwischen ihrer bisherigen Lebensweise und der der großen
Bevölkerungsmehrheit in ihrer neuen Heimat substantiell, so laufen sie Gefahr, ihre
frühere Identität völlig zu verlieren, sollten sie sich in ihrer neuen Heimat gänzlich
der Lebensweise der großen Mehrheit anpassen. Genau vor diesem Problem stehen
Muslime, wenn sie aus einem muslimischen Land in ein westliches Land umsiedeln. Sie kommen
in ein Land mit einer Gesellschaft, deren Werte vornehmlich vom Materialismus geprägt
sind, der Gott und das Jenseits im Grunde nicht kennt. Alles ist nur darauf ausgerichtet,
daß das Leben möglichst angenehm ist und der Mensch so gut wie möglich sein kurzes
Leben genießt. Der Gedanke an einen Schöpfer, vor dem man verantwortlich ist, und der
Gedanke an den Tod werden verdrängt. So ist also das höchste Ziel eines materialistisch
denkenden Menschen hier auf dieser Welt. So mag dies z.B. ein eigenes Haus oder eine
steile Karriere sein. Diese geistige Enge lehnt der Islam ab. Er durchbricht diese
Schranken und strebt etwas viel Höheres an. Das Ziel der Muslime ist es, Allahs
Wohlgefallen zu erlangen und ins Paradies zu gelangen. Diese Sichtweise wirkt sich
wiederum auf das Verhalten des Menschen auf dieser Welt aus. In den Gesellschaften der
muslimischen Länder von heute sind diese islamischen Wertvorstellungen zwar mit
traditionellen Wertvorstellungen gemischt, jedoch sind sie immerhin vorhanden und spielen
eine starke Rolle. Ein Beispiel dafür ist der Begriff der Sünde. In einer heutigen
muslimischen Gesellschaft - vor allem in der ländlichen Bevölkerung - ist es einfach
eine Ungeheuerlichkeit, wenn jemand sich öffentlich dazu bekennt, Ehebruch zu begehen.
Ein anderes Beispiel ist, daß es in einem muslimischen Land von den Mitmenschen als sehr
schlimm aufgefaßt wird, wenn jemand seine Eltern schlecht behandelt oder vernachlässigt.
In einer westlichen materialistischen Gesellschaft jedoch ist es normal, daß jemand
Ehebruch begeht oder daß Jugendliche voreheliche Beziehungen eingehen. Ebenso ist es
normal, daß alte Menschen ins Altersheim abgeschoben werden und ihre Kinder sie nur
selten besuchen. Die Frage stellt sich nun für einen
Muslim, in wieweit er sich unter diesen Umständen in die Gesellschaft seines neuen
Heimatlandes integrieren kann. Diese Frage ist im Grunde nicht schwer zu beantworten: Da
der Islam eine globale Religion für jeden Menschentypen ist, ist es aus der Sicht des
Islam kein Problem, wenn aus einem türkischen, arabischen oder pakistanischen Muslim auf
einmal ein deutscher oder französischer Muslim wird solange er sich noch an die
Grundprinzipien des Islam hält. Schlimm wird es aus der Sicht des Islam erst dann, wenn
er sich z.B. in geistiger oder moralischer Hinsicht vom Islam entfernt oder sogar den
Islam verläßt: ...Wer
sich aber von euch von seinem Din abbringen
läßt und als Kafir stirbt das sind
diejenigen, deren Taten wertlos sein werden in dieser Welt und im Jenseits. Sie werden die
Bewohner des Feuers sein und darin werden sie ewig verweilen.[2:217] Für den Muslim geht es also darum,
daß er einerseits ein Teil der Gesellschaft wird[108],
andererseits sich aber von schlechten Dingen der Gesellschaft fern hält und sich nicht
daran beteiligt, Schlechtes zu tun. Aus der Sichtweise des Muslim wird die Definition
dessen, was gut und was schlecht ist, durch den Islam gegeben. Wenn ein muslimischer Mann eine
nichtmuslimische Frau heiratet, ist wohl der Fall gegeben, bei dem es zu einem der engsten
Kontakte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen kommt: Deshalb soll in diesem Zusammenhang
näher auf die Möglichkeit einer solchen Heirat eingegangen werden. Die Heirat zwischen einem Muslim und einer nichtmuslimischen Frau unter heutigen UmständenWir haben in Kapitel 1 gesehen, daß
ein Muslim normalerweise eine christliche oder jüdische Frau heiraten darf. Im Quran
steht: "...es ist für euch gestattet,
die unbescholtenen muslimischen Frauen und die unbescholtenen Frauen von den Ahlul-kitab
zu heiraten..."[5:5] Die
westliche Gesellschaft wird allgemein als traditionell christliche Gesellschaft angesehen.
Viele Menschen im Westen sind jedoch in Wirklichkeit Atheisten oder haben andere
nichtchristliche Bekenntnisse. Im folgenden werden die verschiedenen
Kategorien von Nichtmuslimen und jeweils der Standpunkt des Islam bezüglich der Heirat
eines Muslim mit einer Frau aus einer dieser Kategorien erläutert:
Eine nichtmuslimische Frau kann eine Muschrika,
eine Atheistin, eine vom Islam Abtrünnige oder aber eine Frau von den Ahlul-kitab[109]
sein. Die Heirat mit einer Muschrika[110]: Az-Zuhaili[111]
sagt in seiner Erläuterung zu den Quranversen Sure 60, Verse 10-11 folgendes: "Der folgende Teilvers "...und haltet nicht fest am Band mit den Kafirat..."[112] verbietet euch Muminun die Heirat mit den Muschrikat und das Verbleiben in einer ehelichen
Gemeinschaft für diejenigen unter euch, welche momentan Muschrikat als Ehefrauen haben. Dieses Band ist
zerissen worden aufgrund des Unterschiedes der Religionen...Bevor dieser Vers herabgesandt
wurde, war es üblich, daß die Kafirun den
Muslimen Frauen zur Ehe gaben und daß Muslime Muschrikat
heirateten. Dieser Vers hob diese Erlaubnis auf. Er ist ein Hinweis auf ein
ausdrückliches Verbot, mit einer Muschrika in
ehelicher Gemeinschaft zu leben. Dies gilt bezüglich einer Muschrika und nicht für eine Nichtmuslima von den
Ahlul-kitab[113].
Eine bestehende Ehe zwischen einem Muslim und einer Muschrika
wird hiermit ungültig, wenn die Ehefrau Muschrika
bleibt..."[114] Yusuf al-Qaradawi sagt in [Qaradawi87]
über die Heirat mit einer Atheistin, einer Abtrünnigen und einer Frau von den
Ahlul-kitab folgendes: "... Die
Heirat mit einer Atheistin: Hiermit ist eine Frau gemeint, die an
keine Religion glaubt, und die weder eine Göttlichkeit, noch ein Prophetentum oder ein
Jenseits bekennt. Die Gründe dafür, das es verboten ist, eine solche Frau zu heiraten,
sind noch klarer, als es beim Verbot der Heirat mit einer Muschrika der Fall ist. Und zwar deswegen, weil
eine Muschrika wenigstens die Existenz Gottes
anerkennt, wenn sie Ihm auch etwas anderes in der Anbetung zur Seite stellt...Die Heirat
mit einer Atheistin ist verboten[115]
und ohne geringsten Zweifel nach der Scharia[116]
nicht möglich. Die
Heirat mit einer vom Islam abtrünnigen Frau: Ein Abtrünniger[117]
bzw. eine Abtrünnige ist jeder bzw. jede, der bzw. die, nachdem er Muslim war bzw.
nachdem sie Muslima war, wieder vom Islam abfällt. Dabei
ist es egal, ob er bzw. sie danach eine andere Religion annimmt oder nicht. Es ist nicht
gestattet, daß ein eheliches Leben zwischen einem Muslim und einer Abtrünnigen bzw.
zwischen einer Muslima und einem Abtrünnigen besteht. Das Verbot gilt sowohl für das
Eingehen einer solchen Ehe, wie auch für den Fortbestand einer solchen Ehe. Das Verbot
eines Fortbestandes einer solchen Ehe bedeutet, daß es verboten ist, daß eine Ehe
weiterbesteht, wenn einer der Ehepartner während der Ehe vom Islam abfällt. Die
Heirat mit einer Frau von den Ahlul-kitab[118]: Die große Mehrheit der muslimischen
Gelehrten ist der Meinung, daß die Heirat mit einer Frau von den Ahlul-kitab im Grundsatz
erlaubt ist...dieser Grundsatz ist jedoch an einige Rahmenbedingungen geknüpft, welche
wir nicht außer Acht lassen dürfen: 1) Es muß überprüft werden, ob die
Frau überhaupt zu den Ahlul-kitab gehört. Es ist bekannt, daß heutzutage im Westen z.B.
nicht jedes Mädchen, welches christliche Eltern hat, unbedingt Christin sein muß. Ebenso
muß nicht jedes Mädchen, welches in einem christlichen Umfeld aufgewachsen ist,
unbedingt Christin sein. 2) Die Frau muß keusch sein (d.h. sie
darf nicht eine Frau sein, die unehelichen Geschlechtsverkehr hat bzw. gehabt hat, ohne
dies aufrichtig vor Gott bereut zu haben).[119] 3) Sie darf nicht von einem Volk sein, welches die Muslime bekriegt und ihnen feindlich gegenübersteht. Aus diesem Grund machten in dieser Frage eine Reihe von Rechtsgelehrten einen Unterschied zwischen einer Frau von den Ahlu-Dhimma |